„Panorama“-Spezialsendung über das „Lügenfernsehen“: Wie Privatsender ihre Zuschauer in die Irre führen

Sendetermin: Donnerstag: 7. Juli, 21.45 Uhr, Das Erste

Ramona Berndt war schon alles: keifende Mutter, lustlose Hartz-IV-Empfängerin, Hauptsache laut. Nie aber durfte Ramona ihr wahres Leben spielen, denn das ist offenbar für die RTL-„Realitäts-Sendung“ mit dem Titel „Mitten im Leben“ zu langweilig. Sie schreit und wütet wie ein Schauspieler nach Regieanweisungen. RTL erklärt dazu auf Anfrage, es existiere „kein detailliertes Dialog-Drehbuch, das vor Drehbeginn abgestimmt“ werde.

© NDR/Dirk Uhlenbrock

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Solche Geschichten haben „Panorama“-Reporterin Anja Reschke und ihr Team bei ihren Recherchen zum „Lügenfernsehen“ (Panorama, 7. Juli, 21.45 Uhr, Das Erste) am laufenden Band gefunden: scheinbare Realität entpuppt sich als Inszenierung. Manchmal kennzeichnen die Sender solche Flunkereien im Abspann, etwa als „Scripted Reality“, manchmal auch nicht. Die Formate haben Erfolg. Wenn „Information“ im Privatfernsehen geschaut wird, dann ist es immer mehr solches Infotainment. Für die Landesmedien-anstalten – sie sollen die Privatsender kontrollieren und deren Informationsanteil messen – ein heikles Thema. Prof. Hans-Jürgen Weiß und sein Institut („Göfak“) erstellen seit 1997 Programmanalysen für die Landesmedienanstalten. Selbst den Experten fällt es schwer zu unterscheiden, welche Formate noch echt sind und welche nicht. Erst seit kurzem ordnet Weiß sogenannte „Scripted Reality“ nicht mehr als Publizistik, sondern konsequent als Unterhaltung ein. Prompt sank zum Beispiel der gemessene Informationsgehalt der RTL-Tochter Vox von 27 Prozent auf 15 Prozent. Dabei ist die Neueinordnung nur begrenzt möglich, weil die Sender nicht alle der fraglichen Sendungen besonders kennzeichnen, etwa als „Schauspiel“. Ungekennzeichnete Sendungen wie „Mitten im Leben“ hübschen so weiter die Statistik auf – als „Publizistik“. Dass Fiktion und Realität immer mehr vermischt wird, betrachtet Weiß als „Täuschung“ der Zuschauer.

Auch der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen geht inzwischen auf Distanz zum Privatfernsehen. „Was die Privaten eben nicht einhalten, ist ihre Funktion in einer Demokratie (…). Wir können es uns nicht leisten, nur durch ein Schlichtprogramm zu informieren.“ Börnsen hält das bisherige Kontrollsystem durch die Landesmedienanstalten für nicht ausreichend, um etwa „bei den Falschdokus einen Riegel vorzuschieben“. Börnsen weiter: „Sie werden noch in dieser Legislaturperiode erfahren, dass wir mit einem Maßnahmenkatalog an die Öffentlichkeit treten, um nichtvertretbare Auswüchse zu ändern.“ Konkrete Maßnahmen kann die Bundesebene allerdings nicht ergreifen, da für die Privatsender die Länder zuständig sind.

Auch der ehemalige Bundesminister Christian Schwarz-Schilling, in dessen Amtszeit das Privatfernsehen in Deutschland eingeführt wurde, ist „entsetzt“ darüber, wie Information in Teilen des Privatfernsehens aussieht. Er versteht nicht, dass die Politik nicht handelt, und fordert eine klare Kennzeichnung von Fiktion im Informationsprogramm. Wenn TV nicht mehr glaubwürdig ist, könne das „eine Gesellschaft in eine chaotische und falsche Richtung bringen.“

RTL-Sprecher Christian Körner betonte auf Anfrage im Mai, dass RTL sich grundsätzlich an Regeln halte und Verantwortung wahrnehme. Viele der fraglichen Sendungen seien nicht direkt von RTL, sondern von beauftragten Produktionsfirmen erstellt worden. Körner weiter: „Die Tatsache, dass Sie vier Folgen gefunden haben, die nach Ihrem Informationsstand und aus Ihrer Sicht kritisch sind, davon keine aktuelle, sondern zurückliegende aus den vergangenen drei bis vier Jahren, spricht dafür, dass die Zusammenarbeit mit beauftragten Produktionsfirmen jedenfalls in den allermeisten Fällen gerechtfertigt ist.“

Manchmal sind nicht nur die Zuschauer von Privatsendern die Betrogenen, sondern die Objekte der Berichterstattung selbst. Etwa Familie Fischbach aus St. Goarshausen. Die RTL-Sendung „Unterm Hammer“ versprach, bei der Versteigerung ihres Hauses zu helfen. Der Preis: alles vor laufender Kamera. Die Familie war glücklich, hatte die Hoffnung, endlich ihre Schulden los zu werden. Doch tatsächlich wurde die Auktion nur gespielt. Die scheinbaren „Bieter“ und „Käufer“: bloß Schauspieler. Fischbachs erfuhren von alledem erst nach dem Dreh. Das Haus war nur zum Schein, nur für die gute Quote verkauft worden. Die Fischbachs haben bis heute ihr Haus nicht verkauft und sitzen noch immer auf ihren Schulden. RTL erklärte auf Anfrage, man habe „Unterm Hammer“ nach dieser Folge eingestellt und arbeite mit der Produzentin nicht mehr zusammen.

NDR-Presse