Interview: Lilo Wanders „Junge Leute kennen heute schon früh Pornos, aber sie lernen nichts über die Liebe“

Lilo Wanders (Ernie Reinhardt) ist ein deutscher Schauspieler, Moderator und Travestiekünstler.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

 

© Manfred Esser

© Manfred Esser

Sie haben in Bremen ein Praktikum in verschiedenen Stadtteilbibliotheken gemacht um in Hamburg studieren zu können; das Studium haben Sie dann abgebrochen, möchten Sie erzählen warum?

Oh, das ist so lange her…

Ich hätte damals mit dem Diplom nur die Möglichkeit gehabt, in einer Fachbibliothek Chemie- oder Physikbücher zu verwalten oder in einen kleinen Ort in die dortige Gemeindebücherei zu gehen.

Aber mich lockte die Großstadt und ich wollte Theater spielen, deshalb habe ich hingeschmissen und mir einen Brotjob in einer Versicherung gesucht und in meiner Freizeit auf Underground-Bühnen gestanden.

 

Was verbindet Sie heute denn noch mit Bremen oder Hamburg?

Die Praktikumzeit damals in Bremen war eines der schönsten Jahre meines Lebens: Das erste Mal von Zuhause fort, kein Geld, aber die ständige Beschäftigung mit Büchern, die Möglichkeit, nächtelang zu lesen und an den freien Tagen durch Bremen zu schlendern – eine große Freiheit. Ich kenne mich heute noch gut in Bremen aus, habe damals in der Neustadt gewohnt. Und Hamburg ist heute meine Heimatstadt, da wohne ich, da kenne ich mich aus (vor allem auf St. Pauli), da ist mein Kiez. Die Familie meiner Mutter stammt aus Hamburg, vielleicht kommt daher auch diese Verbundenheit.

 

Zum ersten Mal machte Lilo Wanders Anfang der 90er Jahre auf sich aufmerksam. Wie war diese Zeit, welche Erinnerungen haben Sie noch daran?

Viele Erinnerungen, herrliche Jahre. Am 8.8.1988 habe ich mit Corny Littmann das Schmidt-Theater am Spielbudenplatz auf St. Pauli eröffnet, nachdem wir etliche Jahre als reisende Theatergruppe unterwegs gewesen waren. Endlich ein festes Haus, von Anfang an ein großer Erfolg. Und für ein Theaterstück, das im „Schmidt“ sehr lange und erfolgreich lief, habe ich mich 1989 dann selbst erfunden. Kurz danach lief dann für vier Jahre bis Silvester 1993 monatlich die „Schmidt-Mitternachts-Show“ auf den 3. Fernsehprogrammen, die ich mit Corny Littmann und Marlene Jaschke moderiert habe, und damit wurden wir bundesweit bekannt.

 

© Michael Reh

© Michael Reh

Ab 1994 erreichten Sie dann eine sehr große Bekanntheit durch die Moderation von „Wahre Liebe“, 10 Jahre, unglaublich, gibt es Dinge an die Sie sich spontan ganz besonders erinnern?

Mit Beginn von „Wa(h)re Liebe“ musste ich von der Karikatur einer abgehalfterten Schauspielerin zum Menschen mutieren, anders wäre die Beschäftigung mit den Themen in so ein Format nicht möglich gewesen. Ich habe mich in mehr als zehn Jahren mit über 1.000 Menschen unterhalten, bin im Dienst der Sendung durch die Welt gereist und wurde europaweit bekannt, denn die Sendung konnte man von Island bis Nordafrika empfangen. In diesen Jahren habe ich viel über die Menschen und die Sexualität gelernt, und davon profitiere ich heute.

 

Fehlt eigentlich heute so ein Format im Free-TV?

Durchaus, aber Sex sells eben nicht. Wir hatten am Ende nicht genug Werbeeinnahmen, um die Sendung weiter produzieren zu können. In der Erinnerung der Zuschauer war „Wahre Liebe“ eine Aufklärungssendung, obwohl es „nur“ ein Unterhaltungsmagazin war – und heute fehlt tatsächlich eine Art Aufklärungsformat. Mit  „Wahre Liebe“ habe ich wahrscheinlich alle, die heute zwischen 20 und 30 sind und die meine Sendung heimlich gesehen haben, aufgeklärt, so ganz nebenbei, und alle anderen auch. Junge Leute kennen heute schon früh Pornos, aber sie lernen nichts über die Liebe und vor allem herrscht große Unwissenheit über die körperlichen Vorgänge. Es gibt Kids, die glauben, Mädchen können nicht schwanger werden, wenn sie im Stehen poppen; junge Frauen teilen sich die Pille und Jungs ziehen zwei Gummis übereinander und glauben damit besonders zu schützen und geschützt zu sein. Dabei führt Reibung bei Kondomen dazu, dass sie porös werden können. Ich glaube allerdings, dass so eine Sendung heute besser in einem 3. Programm aufgehoben wäre.

 

Im September 2010 waren Sie in der Daily „Rote Rosen“ zu sehen, gibt es eigentlich weitere solche Projekte in der Zukunft?

© Michael Reh

© Michael Reh

Wer weiß, wenn mir ein Format gefällt und ich gefragt werde, bin ich gern dabei. Vor kurzem habe ich eine Anfrage bekommen für eine Sendereihe, das klingt richtig gut. Aber solange nichts konkret ist, möchte ich nicht darüber reden. Mit den Programmen „Sex ist ihr Hobby“ und „Pulsschlag tief in ihr“ sind Sie ab September wieder unterwegs. Hat das Theater nun Vorrang oder können Sie sich vorstellen, einmal wieder eine Fernsehsendung zu moderieren? Ich mag den unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum, deshalb mache ich auch bis zum Jahresende immer wieder meine „Tour de Schmidt“, ein Spaziergang mit Gästen durch mein St. Pauli. http://www.tivoli.de/index.php?id=2461

Und mit meinen Bühnenprogrammen bin ich direkt vor Ort und präsentiere den Zuschauern lustige Abende, die auch noch ein bisschen lehrreich sind in Sachen Sex und Erotik. Ab Ende November bin ich übrigens bis kurz vor Weihnachten mit Erika Berger auf Deutschland-Tour, natürlich mit einem Programm, das auch um das Thema Nr. 1 kreist. Aber wenn es was Interessantes im Fernsehen gibt, gern… dabei erreicht man eben sehr viele Menschen, wie auch über Facebook.

 

Gibt es etwas, dass Sie dem Leser an dieser Stelle gerne mitteilen würden?

Klar, mein Lebensmotto: Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen.

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Mit Helmut Kohl, ganz klar.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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