Geschichte im Ersten: Tausendundeine Macht | WDR

Geschichte im Ersten: Tausendundeine Macht am 28.10.2013, 23.30 – 00.15 Uhr | Das Erste.

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Geschichte im Ersten: Tausendundeine Macht: Offizielle Beschreibung

In den frühen Morgenstunden des 29. Oktober 1923 rief Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater aller Türken, die Republik Türkei aus und sorgte für tiefgreifende Reformen, die bis heute Wirkung zeigen. 

Die Deutschtürkin Renan Demirkan, Schauspielerin und Schriftstellerin, ist in diesem für die Türkei sehr bewegten Sommer kreuz und quer durch das Land gereist. Ihre Frage: Wer war der Mann, der die Republik gegründet hat und einem muslimischen, orientalischen Land westliche Kultur, Schrift und Rechtsnormen verordnete? Kann man einen kulturellen Wandel befehlen? Hat er alle Türken erreicht? Wie finden die Türken heute Atatürk und seine Ideen? Was ist davon geblieben? Hat er wirklich für Demokratie gesorgt? Und was wird heute unter Erdogan daraus gemacht?

Ein Roadmovie durch ein Land, in dem viele unserer Nachbar geboren sind. Eine Reise, an dessen Ende Renan Demirkan verstanden hat, welche Fragen die Menschen in der Türkei heute bewegen – und warum Atatürk immer noch wichtig ist…Vom Land ihrer Eltern wusste Renan Demirkan bislang nur wenig. Mit sieben Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland, ist hier zu Hause und heute bekannt als Schauspielerin und Autorin. Sie wuchs auf mit den westlichen Idealen von Freiheit und Gleichheit – und einem Vater, der den Gründer der Türkei fast wie einen Helden verehrte. Mustafa Kemal Atatürk hatte vor 90 Jahren, am 29. Oktober 1923, die türkische Republik gegründet und dem muslimischen Land drastische Reformen verordnet, um es zu modernisieren: Er löste die islamische Gerichtsbarkeit auf, trennte Staat von Religion, verbot den Schleier und den traditionellen Fez. Er führte gemeinsamen Unterricht für Mädchen und Jungen ein, die westliche statt die islamische Zeitrechnung, die lateinische statt die arabische Schrift, ein Rechtswesen, das sich an westlichen Vorbildern orientierte. Weg vom Erbe der Osmanen, hin zur Modernität des Westens! Renan Demirkans Vater war Atatürk zeitlebens dankbar dafür: Er konnte Ingenieur werden, lernte die westliche Philosophie lieben und begeisterte sich für Immanuel Kant. Der Koran wiederum gab ihrer Mutter Halt, sie schenkte der Familie ihre orientalische Wärme. Zwischen diesen beiden Polen wuchs Renan auf, dazwischen, so scheint es, bewegt sich auch die Türkei. 

Zum 90. Geburtstag der türkischen Republik ist Renan Demirkan mit einem WDR-Team in das Land ihrer Eltern aufgebrochen, um den Spuren Atatürks zu folgen. Welche Bedeutung hat der ‚Vater aller Türken’ heute? Was ist von seinem Erbe, den ehrgeizigen Reformen des Beginns, geblieben? Er hatte seine Neurungen nicht ohne Druck durchgesetzt, auf alte Traditionen, religiöse Gefühle oder Rechte von Minderheiten wenig Rücksicht genommen. Wie demokratisch ist sein Erbe? Der Personenkult um Atatürk ist gewaltig – nur in Nordkorea stehen mehr Statuen eines Staatsgründers als in der Türkei.

Inzwischen haben die Türken einen Ministerpräsidenten gewählt, der vor allem die Religion wieder hochhält. Das Denkmal Atatürk beginnt zu wackeln. Bei den jüngsten Protesten gegen die Politik des religiös orientierten Ministerpräsidenten Erdogan beriefen sich Demonstranten auch auf Atatürk. Ist er der Garant für Demokratie in der Türkei? Oder gerade ihr Hemmschuh?

Renan Demirkan begegnet auf ihrer Reise ganz persönlich der Geschichte und Gegenwart des Landes ihrer Vorfahren. Sie trifft glühende Atatürk-Verehrer aber auch seine Kritiker. Sie begegnet Menschen, die sich die Unterschrift des Staatsgründers eintätowieren lassen, aber auch Frauen, die sich die Freiheit nehmen, wieder ein Kopftuch zu tragen. Wie viel Freiheit konnte sich in den letzten 90 Jahren in der Türkei entwickeln – trotz oder wegen Mustafa Kemal Atatürk?

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