Interview mit dem Spieleentwickler Ralph Stock „Ich bin stolz darauf, dass MadTV nach 20 Jahren noch eine solche Faszination ausübt“

 

Ralph Stock ist ein deutscher Spieleentwickler, der durch Spiele wie MadTV oder Emergency bekannt wurde.

Liebe LeserInnen,

 Quadrigagames

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

 

Spieleentwicklung 1985 – Ralph Stock (re)

1984 hast Du Dein erstes Computerspiel entwickelt „Der Stein der Weisen“ Wie genau entstand für Dich die Faszination „Spiele“ und „Spieleentwicklung“?

Als ich zwölf war, schlachtete ich mein Sparschwein und kaufte mir einen ZX81, den gab es jedoch als Bausatz billiger und so lötete ich mir das Gerät zusammen. Es hatte 1 Kilobyte RAM, also ein Millionstel dessen, was heute ein Notebook aufweist. Weil ich kein Speichermedium hatte, tippte ich Programme aus Zeitschriften ab. Allerdings jedesmal, wenn ich spielen wollte, wieder neu, weil ich mir kein Speichermedium leisten konnte. Als dann der Commodore 64 herauskam, brachte ich mir Assembler bei, die einzige Sprache, mit der man leistungsfähige Programme auf dieser Plattform entwickeln konnte. Ein Klassenkamerad, der zeichnen konnte, übernahm die Grafik, und so entwickelten wir das 1984 fertiggestellte Grafik-Adeventure “Der Stein der Weisen”.

 

Kannst Du Dich an Dein erstes Spiel erinnern, was Du selbst gespielt hast?

Ich nehme mal an, es ist ein Computerspiel gemeint. Das war Ende der siebziger Jahre ein Spiel namens Hammurabi, ein sehr einfaches, rundenbasiertes Wirtschaftsspiel auf dem Commodore PET, man spielte einen babylonischen König und hatte hart zu kämpfen, um das Volk satt zu bekommen… Das Spiel hat trotz der fehlenden Grafik fasziniert.

 

Was hast Du zuletzt gespielt?

Im Moment interessiere ich mich ganz besonders für Spiele auf dem iPad und den vergleichbaren Android-Geräten. Diese Plattformen sind einfach faszinierend. Man hat einen genial einfachen Zugang zu den Spielen, andererseits entwickeln sie sich im Moment enorm in ihren Fähigkeiten fort. Ich bin überzeugt, dass wir in wenigen Jahren Tablets sehen werden, die die Leistungsfähigkeit heutiger High-End-PCs erreichen werden. Und das wird spannend. Auf dem PC schaue ich mir gerade das neue Sid Meyer Civilization Add on Gods and Kings an.

Ralph Stock

 

Mit MadTV folgte ein Spiel, das immer noch nach 22 Jahren viele Anhänger hat, wie bist Du auf die Idee zu dem Spiel gekommen?

MadTV spielt ja mit dem Thema Privatfernsehen. Wenn man sich in das Jahr 1988 zurückversetzt, sieht man, dass die vielen unterschiedlichen Sender damals etwas ganz neues waren, das Fernsehprogramm veränderte sich radikal. Das hat auf die Gesellschaft eine ähnliche Faszination und einen Einfluss gehabt, wie heute soziale Netzwerke wie Facebook. Und da bekam ich Lust, das spielerisch aufzugreifen, gerade auch, weil sich Aspekte wie eine vulgäre Kommerzialisierung des Medienbetriebes daran aufzeigen ließen. Übrigens: Bei uns zuhause gab es damals nur die drei öffentlich-rechtlichen Programme, da meine Eltern kein Interesse an RTL und SAT1 hatten.

 

Jo Seitz, der Entwickler von Hollywood Pictures hat in einem Interview gesagt, dass „früher“ viele Entwickler einfach Ideen hatten und diese umgesetzt haben ohne sich nach dem Markt zu richten. Rausgekommen sind viele wunderbare Wirtschaftssimulationen die es in dieser Art heute nicht mehr gibt. Siehst Du das genauso? Wie war das damals, hat Jo da recht oder warum glaubst Du gibt es heute keine solchen klassisches Wirtschaftssimulationen mehr?

Bei MadTV mag eine Rolle gespielt haben, dass dieses Spiel drei Aspekte verknüpft hat, das Ergebnis war eine ganz neue Art Spiel: MadTV ist zunächst, und das ist die unentbehrliche Grundlage, eine spielmechanisch sauber aufgezogene Wirtschaftssimulation, so etwas gab es aber natürlich auch vorher schon. Entscheidend für das neue Spielgefühl, und das ist der zweite Aspekt, ist die sehr einfache, grafisch orientierte Steuerung des Spiels in einem scrollenden bunten Wolkenkratzer. Die Verknüpfung dieser beiden Eigenschaften war sehr innovativ, denn bis dahin waren Wirtschaftssimulationen grafisch meistens trocken und eher technisch aufbereitet, bei MadTV ist es aber gelungen, grafisch und technisch eine Leichtigkeit ins Spiel zu bringen. 

Wirklich einzigartig macht MadTV aber eine dritte Eigenschaft: MadTV hatte parallel zum Spielablauf eine gesellschaftskritische Parallelebene mit einer Vielzahl von bitterbösen Anspielungen, nicht nur im Bereich der medienpolitischen Auseinandersetzung dieser Tage. MadTV war ein politisches Statement. Und das tolle ist: Das haben die MadTV-Spieler verstanden, mehr noch, es zeigte sich, wie sehr eine neue Generation von Mediennutzern Computerspieleunterhaltung mit Tiefgang geradezu aufsogen. Wir waren ja eigentlich noch im Zeitalter der Parallax-Scroller-Shoot-em-ups, das waren von genialen Codern und Leveldesignern ersonnene Technikkunstwerke, die deutlich mehr aus den kleinen 8-Bit-Prozessoren rausholten, als eigentlich drinsteckte. Für mich ist es nach nun 30 Jahren Computerspieleentwicklung schon ein Wunder, dass der kulturpolitische Mainstream-Diskurs seit wenigen Jahren endlich entdeckt, dass Computerspiele Kultur sein können wie Filme oder Opern! Das hätte ich zu Beginn meiner Laufbahn nicht mal zu träumen gewagt!

 

MADTV Planungstafel

Wie denkst Du darüber, dass einige Publisher mit großen Namen einfach Kasse machen wollen? Stichwort M.U.D TV? Ärgert Dich das eigentlich?

Ich bin stolz darauf, dass MadTV nach 20 Jahren noch eine solche Faszination ausübt, dass noch immer Clones entstehen.

 

Wie glaubst Du werden sich Spiele in den nächsten Jahren entwickeln?

Wir werden erleben, dass Spiele immer wichtiger für uns alle werden, durch die neuen, mobilen und bequem zu steuernden Tablets und die nahezu ständige Verfügbarkeit dieser Geräte werden neue Zielgruppen erschlossen, bis in wirklich alle Alters- und Gesellschaftsschichten hinein, außerdem werden Spiele mit einem Anwendungszweck immer wichtiger werden, die so genannten Serious Games. Der Entwicklung solcher Spiele widme ich seit 20 Jahren einen Teil meiner Zeit, seit einigen Jahren auch mit unserem Studio Serious Games Solutions in Potsdam.

 

In den letzten Jahren, Jahrzehnten kann man sagen, bist Du für die Emergency Reihe verantwortlich. Die läuft ja nach wie vor sehr erfolgreich, hättest Du nicht mal wieder Lust was in Richtung Wirtschaftssimulation zu machen? Wie wäre es mit einem würdigen MadTV Nachfolger? Gabs mal solche Überlegungen?

Hier gilt ein alter und treffender Satz: Alles hat seine Zeit. Und die Emergency-Produktwelt mit den unterschiedlichen Produkten ist im Moment sehr faszinierend.

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant?

In diesen Tagen veröffentlichen wir Emergency für iPad, ich persönlich freue mich sehr über dieses schnelle, gut ausbalancierte Spiel, es zeigt, dass Emergency sich auch dem Casual-Spieler öffnen kann. Wir sind sehr gespannt, wie dieses neue Produkt von den iPad-Nutzern angenommenn wird. Für das Jahr 2013 und darüber hinaus haben sich unsere Entwicklungs-Labels Sixteen Tons Entertainment und Quadriga Games einiges vorgenommen, die Fans dürfen gespannt sein.

 

Mit wem würdest Du nicht in der Sauna sitzen wollen?

[Lacht] Die Antwort ist einfach: Eindeutig nicht mit dem jähzornigen und gierigen Senderchef aus MadTV, Mr. Raffer, denn der ist nun wirklich ein Stinkstiefel der Sonderklasse. 

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de