Interview mit der Autorin Constanze Köpp „Im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass sich nicht alle, die mich anrufen, auch trauen, mich zu buchen“

 

 

Constanze Köpp ist eine deutsche Autorin und Gründerin der Wohnkosmetik.

Liebe LeserInnen,

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

 

 

Um was handelt es sich eigentlich genau bei dem sozialen Wohnprojekt?

4 Jahre nach Gründung rief ich mein soziales Wohnprojekt „HH-HZ 2010“ / „Hamburg hält zusammen“ ins Leben, weil ich auch jenen Menschen ein schönes Zuhause bieten möchte, die sich meine Dienstleistung finanziell nicht leisten können. Armut bedeutet nicht, spartanisch eingerichtet zu sein. Und so werde ich entweder von Firmen einmalig unterstützt, die mal nicht nur Geld in Vereine stecken möchten, sondern einmal eine Dienstleistung spenden. Die Familie zahlt keinen Cent, bekommt von mir noch zusätzlich 50€ fürs Sparschweinchen, um sich einen kleinen Wunsch erfüllen zu können. Nach dem Einsatz verbinde ich Familie und Firma und das Spender-Logo landet auf meinem Blog. Sollte sich aber eine Familie bei mir melden, für die ich keinen Förderer habe, führe ich natürlich trotzdem eine Wohnkosmetik durch. (Dann fallen nur leider 50€ weg). In 2012, meinem Jubiläumsjahr, spende ich selbst von jedem Powereinsatz und jeder Schulung 5€ in den Verein „Nestwärme“.

 

In wieweit sehen Sie Ihre Arbeit als Lebenshilfe an?

Meine Arbeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Mit Loslassen, sich Öffnen und sich verändern wollen. 80% meiner Kunden lehre ich die Freude am Loslassen und die Liebe zur Reduktion. Der Mensch braucht nicht viel und benötigen tut er noch viel weniger. Außen so voll, innen oft so leer – will ich genau hier die Verhältnisse umkehren. – Ich arbeite auch anders als ein klassischer Einrichter, denn ich gehe in die Geschichten der Menschen rein. Ich spüre ihre Räume und kann in den Spiegel ihres Zuhauses schauen. Während des Aufräumens – Ausmistens – Umstellens stehe ich sehr eng im Dialog mit meinen Kunden. Ich werte niemals, ich motiviere, trete liebevoll in den Hintern, treibe herzlich an, höre hin, wandle um und hinterlasse Spuren, die man sehen und fühlen kann! Mit Argusaugen finde ich und decke auf. Und manchmal geht es einfach nur ums Leben und gar nicht mehr ums Wohnen per se. Ich komme als Fremde und gehe als Vertraute, die einem vielleicht ein Stück Leben wieder gegeben hat, neben dem Gewinn an Wohnqualität.

 

Was genau kann man in Ihren Workshops lernen?

Hier versammeln sich ja ca. 10 Frauen um einen Tisch, es gibt Pasta, Pesto, Parmesan. Und dann gibt es Arbeitsmaterial und es werden alle Räume besprochen, von Charakter bis Gestaltung. Auch Stauräume. Das Ausmisten. Lösungen. Wandlungen. Tipps & Tricks. Gemeinsam tauscht man sich aus mit all seinen Wehwehchen. Und nach ca. 4 Stunden gehen alle motiviert nach Hause, um ihre eigene Wohnkosmetik zu betreiben. Oft der bessere Weg, wenn der Mann keine fremde Frau im Haus zulassen würde. Und weil ein workshop sogar etwas günstiger ist als eine Einzelberatung. Es macht einfach ungeheuren Spaß, sich mit anderen gemeinsam auszutauschen. Viele bringen auch Fotos ihrer Räume mit.

 

Wie kann man sich eine Telefonische Wohn-Seelsorge für 50 € / Std. (inkl. MwSt.) vorstellen vorstellen?

Im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass sich nicht alle, die mich anrufen, auch trauen, mich zu buchen. Sie schämen sich so sehr ob ihres Zuhauses, dass sie jegliche Form von Besuchern vermeiden wollen. Oder der Mann lässt keine fremde Frau zu und erwartet, dass Angetraute das einfach im Griff haben müssen. Zunächst geht es ums Zuhören. Dann ums Beraten. Weiter um die ersten Schritte, die man allein gehen kann. Manchmal reichen zwei Gespräche, viele Denkanstöße, Handlungsrichtungen. Und manchmal kann es eine ganze Woche dauern. Der Kunde gibt das Tempo vor. Manchmal bekomme ich auch Fotos geschickt. Eine sagte mal am Telefon, ich sei jetzt ihre letzte Chance. Ich bin keine Therapeutin, aber einfach mal mit jemand reden, der sich mit Wohnen, Leben und Gestalten auskennt, und der nicht wegläuft, weil es eben alles andere als einladend Zuhause ist. Einer, der weiß, was Chaos und Ausmisten bedeutet – in Hinsicht auf den Raum und in erster Linie auf den Gemütszustand des Menschen.

 

Sie sind ja auch Autorin – welche Themen behandeln Sie in Ihren Büchern?

Als Kind schon schrieb ich mir die kleinen Finger wund mit Geschichten, in denen es um Außenseiter, Opfer und Menschen am Rande ging. Ich wollte berühren, lesen, vorlesen. Ich verlor als Kind meine erste Freundin an den Tod. Und so schenkte ich sterbenden und verstorbenen Kindern eine Geschichte: „Frannys Reise“: Heute kommen zu meinen Lesungen 90% Erwachsene, aber Kinder lesen mich gern und schreiben mir das auch. Ich bleibe die Autorin zum Anfassen!-  Im 2. Buch (rororo) geht es um die „Kunst des Aufräumens“, ein Gemeinschaftsprojekt. Und gerade tippe ich erneut an meinem 2. Wohnbuch, ein alleiniges Projekt, welches ich mit so viel Herzblut füllle wie einst Frannys Reise. Es wird zum Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres auf dem Markt erscheinen. Trotz des Sachbuchthemas WOHNEN stelle ich mir hier sogar Lesungen vor. 

 

Haben Sie auch schon mal richtige „Messiewohnungen“ auf Vordermann gebracht? Wie läuft das dann, weil ja die meisten Messies ihre Krankheit selbst schlecht erkennen?

Ich habe Kunden, die gleich an der Tür schon sagen: „Frau Köpp, denken Sie bitte nicht, ich sei Messie. Sie sind hier, um mit mir los zu lassen!“ Manchmal ist der Übergang zwischen Chaoten und Messie fließend, aber ich werde wohl kurz vor 12 gerufen, denn meine Kunden sehnen sich danach, los zu lassen. Sie kennen die Ruhe in ihrem Zuhause, die Klarheit – aber durch Schicksalsschläge wurden sie da irgendwie heraus gerissen. Ich habe sehr viel Chaos gesehen, manchmal die klassische Unordnung, aber oft auch  Wohnsituationen, die bedrohlich wirkten. Selbst aus einer Küche holte ich mit meiner Kundin mal 4 blaue Müllsäcke. Ich bin immer bei meinen Kunden, höre ihre Geschichten und bewege sie, das LEBEN wieder in ihr Leben zu lassen. Noch bin ich nie gescheitert. Und trotzdem: ich möchte jedem eine WOHNKOSMETIK raten, der sich in therapeutische Behandlung begibt, aus welchem Anlass auch immer. Wohnkosmetik ist wie eine schnelle Therapie, bevor es ernst wird. Räume können glücklich oder krank machen. Ich denke oft an jene, die sich aus Angst und Scham nicht melden. Wenn sie nur wüssten, dass ich nicht werte! Dass ich nur 1 Ziel vor Augen habe: aus Räumen endlich ein Zuhause zu machen! – Wer viel hat, hat auch viel Arbeit. Und Arbeit frisst wertvolle (Lebens)Zeit!

 

Besteht bei der Wohnkosmetik nicht die Gefahr, dass Sie anderen Ihren Stil „aufzwingen“?

Nein, höchstens meine persönliche Note! Ich arbeite ja mit den Anschaffungen meiner Kunden, ihr Geschmack ist bereits vorhanden. Aber eine schöne Komposition aus ihren Anschaffungen zu machen – da drückt sich sicherlich mein STIL aus. Aber weil den Menschen das Gefühl und der Blick für ihre Dinge fehlt, rufen sie mich ja. Und ich will ihr Auge schulen, ihr Gefühl fürs Wohnen und für ein Zuhause, in dem später nicht nur sie selbst sich wohl fühlen sollen. 

 

Gibt es etwas, das Sie den Lesern an dieser Stelle gern noch mitteilen würden?

Bitte habt keine Angst, euch zu zeigen. Erstickt nicht weiter unter euren Chaosmauern! Hier gibt es wirklich jemand, der wertfrei ist, der jede Wohnsituationen kennt und der nur 1 Ziel hat: aus Räumen ein ZUHAUSE zu zaubern! – der Wunsch zu LEBEN muss über den STOLZ gehen, sich zu nicht zeigen zu wollen. Das Leben macht nicht vor der Haustür Halt. Lasst es rein! Was wir im Außen bewegen, bewegt immer auch das Innen!

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Spontan? Mit dem Papst!

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de