Dokumentarfilm im Ersten Die Köche und die Sterne

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© WDR/HMR Produktion GmbH

Dienstag, 10. April 2012 | 23:30 Uhr im Ersten

Welche psychologische und ökonomische Wirkung hat der Kult um die Michelinsterne? Lutz Hachmeister stellt in seinem Dokumentarfilm verschiedene Kochtypen und Kochkonzepte vor und befragt auch den Direktor des Guide Michelin, Jean-Luc Naret. Widersprüche, Abhängigkeitsverhältnisse, Konsequenzen aber auch die Legitimierung und Sinn der Michelinsterne sind Thema des Filmes. Yannick Alléno, der im prunkvollen Restaurant „Le Meurice“ gegenüber den Tuilerien in Paris Delikatessen inszeniert, wird mittlerweile als Perfektionist hymnisch gefeiert. Der in New York lebende Franzose Jean-Georges Vongerichten beschäftigt 3.500 Angestellte weltweit. Der Elsässer, der sich vom Kochlehrling zum Gastromanager hochgearbeitet hat, verfügt mittlerweile in New York über neun Restaurants, darunter das mit drei Sternen ausgezeichnete „Jean-Georges“. 

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Juan Mari Arzak (San Sebastián), einer der Urheber der Nueva Cocina Vasca und somit der spanischen Laborküche, entwickelt heute zusammen mit seiner Tochter Elena „Gerichte, die in die Geschichte eingehen“. Neben Elena Arzak ist Nadia Santini (Restaurant „Il Pescatore“, Canneto sull’Oglio) eine weitere weibliche Figur in dieser meist von Männern dominierten Welt: Sie ist eine von sechs mit drei Sternen ausgezeichneten Köchinnen weltweit und arbeitet landestypisch im engen Familienverbund mit Ehemann, Sohn, Schwiegermutter und Schwiegertochter auf einem pittoresken lombardischen Anwesen. Auch Sergio Herman (Restaurant „Oud Sluis“, Sluis) setzt die Familientradition fort, im vormals einfachen Restaurant der Großeltern im niederländisch-belgischen Grenzgebiet. Jetzt wirkt Herman im lupenreinen Rockstarlook an der Weltspitze der Gastronomie und beschäftigt den mit 21 wohl weltweit jüngsten Sommelier in einem Drei-Sterne-Lokal. „Die Köche und die Sterne“ führt den Zuschauer auch nach Japan, wo Hideki Ishikawa 2008 mit Ersterscheinung des Tokio Michelin Führers auf Anhieb drei Sterne erhielt. Er kocht traditionell japanisch, verzichtet auf schickes Interieur und liest Konfuzius, um seine Kenntnisse in Mitarbeiterführung zu vertiefen. 

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Auch ganz in seiner Nähe fand Filmemacher Lutz Hachmeister Ambiente und Landschaften, die auf den ersten Blick mit der feinen Kunst der Haute Cuisine scheinbar nichts zu tun haben. So interviewte er Sven Elverfeld, den deutschen Vertreter in diesem internationalen Ensemble. Dort, wo man es wirklich nicht erwartet, serviert dieser die allerfeinste Küche: inmitten der VW-Autostadt Wolfsburg. Neben diesen sieben Drei-Sterne-Köchen zeigt der Film mit zwei weiteren Figuren der Gastronomie auch die widersprüchliche Seite des Michelinsystems, das oft Unbehagen auslöst. So repräsentiert René Redzepi (Restaurant „Noma“, Kopenhagen) eine äußerst innovative Form der Hochküche: Kein Olivenöl, keine Tomaten, nur Produkte, die ursprünglich aus Skandinavien stammen. Warum Michelin auch wieder 2010 nur zwei Sterne vergab, während das „Noma“ im Frühjahr 2010 von der ebenso hoch geachteten britischen Rankingliste „The San Pellegrino World’s 50 Best“ als bestes Restaurant der Welt gewählt wurde, bleibt ein Rätsel. Olivier Roellinger gab Ende 2008 aus gesundheitlichen Gründen seine drei Sterne zurück. Doch umsonst: Im März 2010 wird er für sein neues, etwas schlichteres Restaurant „Le Coquillage“ erneut mit einem Stern ausgezeichnet.

Ich fand diesen Dokumentarfilm in Ordnung. Ich hatte mich schon oft gefragt wie das eigentlich genau mit den Michelinsternen funktioniert, welche Auswirkung diese haben und wie hoch dieser Preis, diese Auszeichnung eigentlich anzurechnen ist. Dieser Dokumentarfilm klärt das wirklich gut und bis ins Detail auf. Manchmal fand ich es etwas lang gezogen und war der Meinung, dass 45 Minuten auch ausgereicht hätten und es nicht unbedingt Filmlänge haben musste. Aber so ist es, wenn man sehr viele Infos verpacken möchte und alle gleichbehandeln möchte, ohne etwas zu kurz kommen zu lassen. Insgesamt also sehenswert, für die unter Euch, die Interesse an dieser Thematik haben. Viel Spaß beim Gucken.

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de