Interview: Michael Meisheit „Ich habe über 250 Folgen Lindenstraße geschrieben“

Michael Meisheit ist seit 1997 Drehbuchautor für die „Lindenstraße“

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

Michael Meisheit, Drehbuchautor der "Lindenstraße"

Michael, wie kann man sich das Arbeiten als Autor bei der Lindenstraße vorstellen? Schreibst Du ganze Folgen alleine, oder im Team, oder bist Du verantwortlich für einzelne Geschichten?

Das Schreiben bei der „Lindenstraße“ teilt sich in zwei Teile: Zweimal im Jahr sitzen die Autoren für zwei Wochen zusammen im Siebengebirge und denken sich die sog. Storylines für ein Halbjahr aus. Darin legen wir grob fest, was in diesen 26 Folgen passieren wird. Die fertigen Storylines haben die Form eines Exposés und die drei Geschichten pro Folge sind hier noch getrennt voneinander aufgeschrieben. Dann gehen alle nach Hause und jeder schreibt eine gewisse Anzahl an Folgen (ich zur Zeit zwölf) auf der Grundlage dieser Storylines. Wir entwickeln also alle Geschichten gemeinsam, aber jeder ist dann für „seine“ Folgen hauptverantwortlich. 

 

Und wie viel bekommst Du vorgegeben, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickeln soll? Oder hast Du da komplett freie Hand?

Wir geben uns ja selbst die Geschichten vor. Natürlich lesen der Produzent Hans W. Geißendörfer und auch der WDR alles. Sie machen Vorschläge, geben Feedback und schubsen eine Geschichte auch mal in eine andere Richtung, aber da geht es meist um qualitative Verbesserungen. Was den Inhalt angeht, sind wir weitestgehend frei. Vorgaben gibt es eher durch Drehzeitbeschränkungen von Schauspielern (insbesondere Kindern), Einschränkungen bei Motiven, Verbote Produkte zu nennen und vor allem unsere eigene Vorgabe, dass jede Folge an einem Donnerstag mit einer Woche Pause dazwischen spielen muss – das treibt einen auch schon mal in den Wahnsinn, wenn man mal ein paar Tage am Stück erzählen will … 

 

Auf welche deiner Geschichten hast Du bisher die besten Resonanzen bekommen?

Ich bin schon seit 14 Jahren dabei und hab über 250 Folgen geschrieben. Da gab es eine Menge Resonanz unterschiedlichster Art. Ich erinnere mich an einen bösen Artikel in der Süddeutschen Zeitung (und eine Bombeneinschaltquote) als Mary Sarikakis Olaf Kling sein Genital abgeschnitten hat. Viele Fans waren angetan von der sog. Echtzeitfolge (909), in der die Handlung nicht einen Tag, sondern exakt eine halbe Stunde abbildete. Viele gerührte Reaktionen gab es auf den Tod von Maja oder die Herzgeschichte von Erich Schiller. Dieses Jahr kam die Geschichte mit Orkan extrem gut an, obwohl sie gleichzeitig viele Zuschauer verstört hat …

 

Dein neustes Projekt ist ein Blog von Vanessa X., erzähl mal um was es dabei geht.

Soweit ich das überblicken kann, scheint dies der erste deutschsprachige Versuch zu sein, einen Blog von einer fiktiven Figur schreiben zu lassen. Vanessa ist eine unglückliche, schwangere 30-jährige, die ihren Traummann trifft. Sie würde sich sofort auf eine Affäre einlassen, aber der Kerl hat offensichtlich einen Knall. Er behauptet nämlich, von einem anderen Planeten zu kommen. In dem Blog dreht es sich nun darum, ob sie ihm das glaubt, in welchen dramatischen und komischen Verwicklungen sie dieser merkwürdige Kerl treibt und was aus ihrer scheinbar gescheiterten Ehe wird. Und natürlich um die Schwangerschaft. 

 

Was mich wundert, das Du offen damit umgehst, das es sich dabei um eine Geschichte handelt, glaubst Du nicht Du hättest mehr Leser wenn das nicht klar wäre?

Fake-Blogs gab es ja schon sehr oft. Das ist ein anderer Ansatz, den ich nicht (mehr) so reizvoll finde. Bei einem solchen könnte ich auch kaum mit einer Geschichte, in der ein vermeintlicher Außerirdischer eine wichtige Rolle spielt, um die Ecke kommen. ich finde es GERADE interessant, die Möglichkeiten eines Blogs auf fiktionaler Ebene zu nutzen. Die Zielgruppe sind Leute, die gerne Romane lesen, Serien gucken und im Internet unterwegs sind. Ich nenne das Ganze daher auch Science-Fiction-Blog-Novela. Der Blog wird in Echtzeit geschrieben – d.h. die Tage und die Tageszeiten werden beachtet, an denen Vanessa veröffentlicht. In den Blog sind Bezüge auf reale, aktuelle Ereignisse eingebaut, es werden andere Seiten verlinkt, auf Kommentare reagiert, Fotos reingestellt und in Zukunft soll sich Vanessa auch auf andere Felder des Internets ausdehnen. Einen Twitter-Account hat sie schon. Mir geht es um die Nutzung aller Möglichkeiten des Internets und um eine Interaktion mit dem Leser. 

 

Wie lange hast Du denn vor diesen Blog laufen zu lassen?

Ich stehe ja noch ziemlich am Anfang. Vanessa bloggt seit Ende Juli. Und das Ganze ist von meiner Seite ein Experiment, das ich ganz alleine und mit recht bescheidenem technischen Wissen angegangen bin. Es wird drauf ankommen, wie die Resonanz ist. Und wie ich mit dem zeitlichen Aufwand zurecht komme. Da die Einträge „live“geschrieben werden müssen, brauche ich mindestens jeden zweiten Tag Zeit, um zu schreiben. Im Moment habe ich Urlaub. Und im Moment macht es Riesenspaß. Also hoffe ich auf einige Monate Laufzeit. Mindestens. 

 

Wie bist Du denn eigentlich auf die Idee dazu gekommen?

Ich grübel schon seit langem darüber, wie ein (Drehbuch-) Autor die Einzigartigkeit des Internets kreativ nutzen kann. Ich glaube, dass wir da noch ganz am Anfang stehen. Genau wie man nach der Erfindung des Fernsehens erst einmal Radio-Sendungen abgefilmt hat, werden heute nicht neue Formate erfunden, sondern bekannte Formate ins Internet gesteckt – als Filmchen, als gebloggter Roman usw. Da ich nun endlich einmal Zeit hatte, wollte ich ein eigenes Experiment starten. Ein Blog lag nahe, weil man mit kleinen Mitteln sehr kreativ sein kann.

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant, darf man da schon etwas verraten?

Was die „Lindenstraße“ angeht, darf ich natürlich nichts verraten. Da gibt es ja Verträge … Aber mein Blog gehört mir! Hier ist nun die Situation zwischen Vanessa und dem vermeintlichen Außerirdischen etabliert. Zeit, andere, neue Figuren dazu zu bringen, die es komplizierter machen, die Treffen mit dem Mann geheim zu halten.

 

Gibt es etwas, dass Du gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würdest?

Schaut mal bei Vanessas Blog vorbei: http://www.vanessax.de/ Ich freue mich riesig über Kommentare, Mails oder Rückmeldungen bei Twitter. Im Moment für mich die beste Hilfe, um den Blog inhaltlich oder auch technisch weiterzuentwickeln. Ansonsten gilt: Sonntag, 18:50 – ARD. Dort laufen gerade sogar „meine“ Folgen der „Lindenstraße“!

 

Mit wem würdest Du nicht in der Sauna sitzen wollen?

Mit amerikanischen Touristen. Die lassen nämlich Shorts und Shirt an. Man kommt sich dann sehr blöd vor und kann echt nicht entspannen! Und dazu geht man ja schließlich in die Sauna, oder? 

 

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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