Interview: Frank Wehrheim „Es gab bisher kaum gehaltvolle Informationen über die Steuerfahndung von einem Insider“

Frank Wehrheim ist ein deutscher Diplom- Finanzwirt Steuerberater und Steuerfahnder.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

Herr Wehrheim, Ihr Leben lang haben Sie mit Steuern und Finanzen zu tun, wahrscheinlich immer in Verbindung mit etwas negativem, als Fahnder, wie behält man trotzdem in so vielen Jahren den Spaß am Beruf?

Der Beruf des Steuerfahnders hatte durchaus immer etwas spannendes und auch abenteuerliches, sportliches. Es war kein trockener Bürojob, sondern vielmehr das alte Räuber-und-Gendarm-Spiel mit Jäger und Gejagten. Wir mussten recherchieren, zum Teil observieren, es kam zu Durchsuchungen, Befragungen, Vernehmungen – und, wie ich es in meinem Buch „Inside Steuerfahndung“ beschrieben habe, mitunter auch zu Verfolgungsjagden…

 

Was hat Sie schlußendlich jetzt dazu bewegt ein Buch über Ihren Beruf zu schreiben?

Die unterschiedlichen Erfahrungen, die meine Kollegen und ich bei unseren Ermittlungen gegen Politiker, Banken, Medizinern, verschiedenen Freiberuflern – und sogar bei einer Firma, die Komponenten für den Bau der Atombombe in Pakistan geliefert hat – machten, gehörten nach meiner Meinung endlich einmal aufgeschrieben. Das gilt auch für die Vorkommnisse um die hessische Steuerfahnderaffäre. Ich habe gemeinsam mit meinem Co-Autor Michael Gösele mein gesamtes Berufsleben Revue passieren lassen und daraus ist am Ende – ohne, dass ich das in diesem Ausmaß vorher geahnt hätte – ein veritabler Wirtschaftskrimi geworden.

 

„Die Steuerfahndung gehört zu den geheimnisvollsten Behörden der Bundesrepublik“ heißt es in Ihrem Buch, was meinen Sie woran liegt das?

Es gab bisher kaum gehaltvolle Informationen über die Steuerfahndung von einem Insider. Die Fragen: wie wird man Fahnder, welche Ausbildung haben Fahnder, wie ermitteln sie, welche Rechte haben Steuerfahnder… all das wird in dem Buch „Inside Steuerfahndung“  erläutert.

 

Steuerhinterziehung findet doch sicherlich wenig in der Mittelschicht statt und mehr in der „Oberschicht“ stimmt das, wie sind da Ihre Erfahrungen?

Viele der geschilderten Fälle „spielen“ sich tatsächlich in der „Oberschicht“ ab. Das mag aber auch daran liegen, dass Steuerfahnder nicht mit dem Maßstabrädchen Arbeitswege auf Landkarten nachmessen. Wer es mit der Steuerfahndung zu tun bekommt, hat in der Regel stattliche Summen hinterzogen. Und so befanden wir uns in der Regel in der so genannten Oberschicht:  Politiker, Banker, Zahnärzte, Ingenieure. Aber im Buch werden auch Fälle beschrieben, in denen wir gegen Handwerksbetriebe, Landwirte und Beamte ermittelt haben.

 

In dem Buch heißt es außerdem, „… zu gefährlich und mit fadenscheinigen Argumenten aus dem Dienst quittiert“ Mögen Sie das kurz erläutern?

Im letzten Kapitel „Tatort Steuerfahndung“  werden die Auseinandersetzungen innerhalb unserer Dienststelle geschildert. Hier wird chronologisch die so genannte hessische Steuerfahnderaffäre aufgearbeitet, die mit Um- und Versetzungen begann und mit der empörenden Psychiatrisierung von vier Kollegen endete. Diese Geschichte ist hochaktuell und beschäftigt zur Zeit einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages, der am 29. August 2011 hierzu erneut tagen wird.

 

Kann man also sagen, dass Sie sich bei Ihren ehemaligen Kollegen keine großen Freunde mehr machen mit diesem Buch?

Von meinen früheren Kollegen erhalte ich viele positive Reaktionen. Die Führungskräfte in der hessischen Finanzverwaltung und die Spitze der Deutschen Steuergewerkschaft in Hessen, die im Kampf und in der Beurteilung des von mir geschilderten Mobbings Verantwortung tragen, beziehungsweise versagt haben, sind sicherlich durch diese Buchveröffentlichung nicht positiv gestimmt. 

 

Könnte man das Buch auch missbrauchen um sich Ideen für eine Steuerhinterziehung anzueignen?

Es werden durchaus einige spannende Spielarten der Steuerhinterziehung vorgestellt, aber eine Anleitung zur Nachahmung ist dieses Buch mit Sicherheit nicht.

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant?

Wir arbeiten an einem weiteren Buch über die verschiedenen Spielarten von Wirtschaftskriminalität. Nach allem, was ich bislang an Rückmeldungen zu dem Buch „Inside Steuerfahndung“ erhalten habe, scheinen dies Themen zu sein, die einen Großteil der Leser offensichtlich interessieren und begeistern. Über unsere weiteren Projekte kann ich zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts verraten, aber seien Sie versichert, dass das Thema Steuerfahndung und vor allem die hessische Fahnderaffäre noch längst nicht abgeschlossen ist…

 

Gibt es etwas, dass Sie gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würden?

Was meine vier Kollegen in der hessischen Finanzverwaltung ertragen mussten, ist in diesem Land leider kein Einzelfall. Aber: Diese Menschen haben die Stärke und den Mut bewiesen, gegen dieses Mobbing aufzubegehren. Und sie tun dies noch immer. Ich kann nur jedem Bürger, der sich der Willkür von Arbeitgebern, Behörden oder gar der Politik ausgesetzt fühlt, raten, nicht aufzugeben.

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Aus Platzgründen vermutlich Helmut Kohl. Ansonsten unser ehemaliger hessischer Ministerpräsident Roland Koch. Denn ich denke, dass man sich mit ihm auch nackt – also wenn er gleichsam die Hosen herunter lassen muss – nicht über Werte und Moral unterhalten kann.

 

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