Interview: Marian Gold (Alphaville) „Das ist ein tolles Gefühl wieder da zu sein in den guten alten Mainstream-Medien“

Marian Gold ist der Sänger der Band Alphaville, einer deutsche Synthpop-Gruppe aus Münster

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

© Michael Zargarinejad / Universal Music

© Michael Zargarinejad / Universal Music

Marian, Hartwig, wie werden Sie eigentlich am liebsten genannt?

„Freunde, die ich vor 1984 kennengelernt habe, nennen mich Hartwig, die später Marian. Ich persönlich hab da keine Präferenzen. Es hängt mehr von den Leuten ab, die mich ansprechen, ob ich das mag. Im Zweifelsfall bin ich Herr Gold.“

 

Science-Fiction, Electro-Sounds, Jean-Luc Godard, Sind Sie so ein Science-Fiction-Fan und entstand Ihre Liebe zur Elektronischen Musik so?

„Ich hab schon immer einen Hang zum Fantastischen, zum Spekulativen gehabt, aber meine Beziehung zur Musik läßt sich nicht auf so einen, in meinen Augen eher nebensächlichen Aspekt einengen. Musik ist für mich ein unversaler, unendlicher Raum, darin liegt für mich die Faszination. Von Schubladen halt ich nichts. Das ist das Spartendenken der Musikindustrie, damit ver-be-amten und banalisieren sie die Kunst, und das wird paradoxerweise von Fans und Musikpresse bereitwillig nachgebetet. Wenn man überhaupt Kategorien aufstellen will, dann sollte man die Künstler nennen und nicht mit irgendwelchen Aktenordnern herumwedeln. Für uns war damals der Einsatz von Rhythmusmaschinen und Sequenzern der einzig mögliche Weg, überhaupt Musik zusammenzubekommen. Wir hatten Ideen en masse, wir hatten den Wahnsinn und die Hingabe, die Du als Künstler brauchst, diese Obsession, aber keiner von uns konnte irgendein Instrument spielen. Wenn eine Axt oder ne Kaffeemaschine dafür gereicht hätte, ok. Wir waren in erster Linie Fans und Träumer mit für damalige Verhältnisse beachtlichen Plattensammlungen. Ich spreche jetzt von den Jahren 1977-78. Von Cage oder Stockhausen hatte ich zu dieser Zeit schon mal was gehört, aber die einzigen „Elektroniker“, die ich halbwegs cool fand waren Pierre Henry, Brian Eno oder die Kraftwerker. Viel mehr interessierten mich Künstler wie Bowie, Jobriath, Lou Reed oder Bands wie Can, Joy Division, Wall Of Voodoo, Throbbing Gristle, aber da bezog sich das Innovative nicht ausschließlich auf  die Technologie. Und dann gab es noch die ganzen Punkbands, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Das war eine unheimliche Motivation für uns, selber mit dem Musikschreiben anzufangen. Da war eine unglaubliche Aufbruchstimmung, das waren alles Leute wie wir, eben ohne viel Ahnung vom Musikmachen. Für mich wars sonnenklar, daß es irgendwann auch Punks mit Synthesizern geben würde und das ist dann ja auch passiert.“

 

In den 80er Jahren unglaublich erfolgreich, aber gerade in den 90ern, der Eurodance-Zeit konnten Sie nicht so wirklich an Ihren Erfolg aus den 80er Anknüpfen, woran glauben Sie lag das?

„Spätestens mit unserem dritten Album „The Breathtaking Blue“ hatten wir den festumrissenen Rahmen verlassen, in dem wir von den Medien wahrgenommen und weiterkommuniziert wurden. Die Art der Instrumente, in unserem Fall die Synthesizer, wurde zweitrangig. Die Songs bzw. deren Inhalte standen jetzt absolut im Vordergrund und bekamen die Instrumentierung, derer sie unserer Meinung nach bedurften. Wir hatten keinerlei Berührungsängste mit anderen Genres und unsere Fähigkeiten im Produktionsbereich waren erheblich gewachsen. Und so tauchten auf einmal jazzige Fragmente und anderes ungewohntes in unserer Musik auf. Damit waren wohl einige überfordert, ich kanns ihnen nicht verdenken. Ausserdem war und ist Alphaville immer eine Spielwiese für unsere Phantasien, ein Rückzugsgebiet von der Realität mit einem großen, weißen Elfenbeinturm in der Mitte. Ich kann nicht sagen, daß es uns jemals groß gekümmert hat, wo genau unser jeweiliger Marktwert gerade stand. Kurz gefasst: Es lag wohl an uns…“

© Michael Zargarinejad / Universal Music

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Vor 10 Jahren hatten Sie ein interessantes Projekt, an dem Ihre Fans mitgewirkt haben, kann man sich so etwas heute noch vorstellen? 

„Absolut. Aber um die Jahrtausendwende war es auch was völlig neues, das nur funktionieren konnte, weil das Internet sich in eine Richtung weiterentwickelt hatte, die solche Experimente zuließ, also, eine Art Schwarmintelligenz im Netz zu erzeugen und über dieses Medium ein komplettes Album zu entwickeln. Ziemlich abgefahren, deshalb haben wir das Album auch „CrazyShow“ getauft. Es war eine tolle Erfahrung, aber heute würde mich das nicht mehr interessieren.“

 

Wie ist die Entwicklung des Internets generell für Sie als Künstler zu sehen? Das Filesharing nimmt immer mehr Überhand, macht sich das für Sie sehr bemerkbar? Was denken Sie über diese Menschen?

„Klar macht sich das bemerkbar, man muß es als Tatsache akzeptieren. Ich sehe das in erster Linie als ein Problem der Plattenfirmen, als Künstler fühle ich mich nicht sehr davon betroffen, trotz finanzieller Einbußen. Urheberrechte sind nun mal ein fiktives Gut, im Web schwer durchsetzbar. Aber das bedeutet meiner Meinung nach nicht das Ende der Musik, wohl eher das des Musikmarktes, wie man ihn bisher kannte. Die positiven Aspekte überwiegen eindeutig. Du bist als Künstler nicht mehr auf große Konzerne angewiesen, sondern auf gute Ideen und die kann jeder haben. Auch Konzerte haben eine ganz neue, wichtigere Bedeutung gewonnen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen.“

 

Kann man es auch verstehen, dass zb. Menschen mit wenig Geld Ihre Musik konsumieren möchten? Macht das dann einen Unterschied?

„Ob es einen Unterschied macht? Naja. Grundsätzlich ist Klauen unmoralisch. Auf der anderen Seite erhebt sich die Frage, ob man von Klauen sprechen kann, wenn Leute ihre Musik mit anderen teilen. Das hab ich früher auch gemacht. Natürlich eröffnet das Netz ganz andere Dimensionen durch das Filesharing. Und Musik und Bilder sind problemlos kopierbar, die lassen sich in Massen vervielfältigen und saugen so Kapazitäten aus dem Markt. Es stehen sich halt zwei Meinungen gegenüber in dieser Frage und die sind nicht miteinander vereinbar. Man muß sich für eine Seite entscheiden. Ich für mein Teil akzeptiere, daß unsere Fans sich auch mal Sachen von uns illegal runterladen oder mit anderen teilen. Das muß jeder mit sich selbst ausmachen. Dieselben Leute kommen ja auch auf unsere Konzerte und da sind sie willkommen. Ich bin Künstler, kein Geschäftsmann. Nochmal:  Das Internet mag das Ende einer bestimmten geschäftlichen Vereinbarung sein, aber es ist ganz gewiss nicht das Ende der Musik. Amen.“

© Michael Zargarinejad / Universal Music

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Etwa 25 Jahre nach Ihrem ersten großen Erfolg stiegt ihr letztes Album auf Platz 9 der Album-Charts ein in 2010, nach so langer Zeit wieder oben an der Spitze, was ist jetzt anders als in den 90ern ?

„Also, das ist ein tolles Gefühl wieder da zu sein in den guten alten Mainstream-Medien. Da hat auch unsere jetzige Plattenfirma einen großen Anteil dran, die haben sich echt für uns reingehängt. Anders sind hauptsächlich wir, bin ich. In den Achtzigern waren wir komplette Greenhorns und dieser unglaubliche Anfangserfolg kam wie ein Tsunami über uns. Das war eine Wahnsinnseuphorie und die Welt kam mir vor wie ein riesiger Selbstbedienungsladen. Es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft, es gab nur das Jetzt, das uns von einem Augenblick zum nächsten wirbelte. Heute betrachte ich Erfolg wesentlich pragmatischer. Unser aktuelles Album könnte ne Plattform für einen weiteren spannenden Abschnitt in der Alphaville Geschichte werden, da liegt ne dicke Chance für uns, unsere verückten Ideen an ein noch größeres Publikum ranzutragen.“

 

Gibt es eigentlich noch Kontakt zu den ehemaligen Mitgliedern von Alphaville?

„Zu Frank und Rick hab ich keinerlei Kontakt mehr, die sind beide, soweit ich weiß, völlig aus der Musikszene ausgestiegen. Rick lebt mit seiner Familie in Südfrankreich, Frank, glaube ich, in Köln. Mit Bernhard treffe ich mich hin und wieder in Berlin.“

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant, darf man da schon etwas verraten?

„Das sensationelle ist, daß wir tatsächlich schon im nächsten Jahr mit nem neuen Album kommen werden. Sensationell deswegen, weil wir bisher immer drei bis vier Jahre gebraucht haben, um was Neues zu veröffentlichen, seit CrazyShow vergingen sogar sieben Jahre, in denen wir allerdings kreuz und quer über den Globus getourt sind. Davon hat unser jetziges Album sehr profitiert, weil viele Eindrücke aus dieser Zeit in die Musik eingeflossen sind. Es war leider unmöglich, alle Stücke mit aufs Album zu nehmen, es war einfach zu viel Material da. Wir haben uns dann entschlossen, für „Catching Rays On Giant“ eine Art Leitmotiv auszuwählen und nur Stücke zu nehmen, die in dieses Konzept passten. Wir haben also immer noch jede Menge toller Songs für das nächste Album. Und ausserdem sind auch schon wieder neue Stücke entstanden, da deutet sich thematisch bereits ne interessante Richtung an. Ich kann es offengestanden kaum erwarten, mich nach dem ganzen Konzertrummel in diesem Sommer wieder ins Studio zu beamen und zusammen mit den anderen die nächste Produktion zu starten.“

© Michael Zargarinejad / Universal Music

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Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

„Oh, da gibt’s nicht nur einen. Aber wenn ich jetzt einen auswählen müßte…hmm, ….vielleicht Lars?“

 

Nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter, und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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