Interview: Renée Weibel „Helena ist mein altes ICH, bevor ich mit der Schauspielerei in Berührung gekommen bin“

Renée Weibel ist eine Schweizer Schauspielerin.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

 

© ARD/Anja Glitsch

© ARD/Anja Glitsch

Renée, Sie haben „Bühnentänzerin“ gelernt, also war der große Wunsch gar nicht Schauspielerin zu werden sondern Tänzerin?

Ja mein Wunsch war es Primaballerina zu werden und federleicht als Schwanenkönigin über die Bühne zu schweben! Schauspielerin war auch immer ein Traum, allerdings hab ich es mir nie zugetraut. Ich hab als Kind vor Fremden Menschen kaum den Mund auf bekommen, selbst ein Referat in der Schule war ein fast unüberwindbares Hindernis. Deshalb hatte ich das Tanzen gewählt, da musste ich nicht sprechen, sondern konnte mich über meinen Körper und die Musik ausdrücken. Allerdings erlebte ich das Ballett in den letzten 3 Jahren der professionellen Tanzausbildung im Ballettinternat, als brotlose Selbstgeiselung. Ich muss dazu auch gestehen, dass mein Körper von seinem Aufbau und seiner Beschaffenheit überhaupt nicht dafür geeignet war, jemand mit den richtigen körperlichen Voraussetzungen mag das anders wahrgenommen haben. Die Schauspielerei hingegen ist genau das Gegenteil, man stürzt sich in menschliche Abgründe, Schwächen und Konflikte, muss jeden Drang „schön sein zu wollen“ aufgeben, um dem Ausdruck der Rolle gerecht zu werden.

Das finde ich viel spannender, als über jede Menschlichkeit erhaben über die Bühne zu schweben.

 

„Tänzerin“ wollen ja viele Mädchen irgendwann mal werden, was war bei Ihnen anders, dass sich der Traum zu einem realen Wunsch entwickelte?

Ich hatte schon von klein auf eine Art krankhaften Ehrgeiz. Und fürs Tanzen braucht man den. Egal ob etwas weh tut, ob du müde oder Hungrig bist… Du musst dich über jegliche Schwäche und jede Art von natürlichen Bedürfnissen hinwegsetzen können. Wenn Du die Ausbildung und das Berufsleben einer Tänzerin durchhalten willst, dann kennst Du keine Schmerzen, keine Mentale oder Emotionale Schwäche, keine Müdigkeit, keine Verletzung… und das Wichtigste: Sei nie zufrieden mit Dir selbst. Es gibt nie ein „Gut“, höchstens ein „Besser“. Nur so perfektioniert man seine Bewegungen jeden Tag auf den Zentimeter genau und hält das tägliche Training durch. Da ich nie besonders erfolgreich war, musste ich das alles irgendwann ablegen und mir eingestehen dass ich es nie an die Spitze schaffen werde. Und es war das Beste was mir passieren konnte, mein Leben ist heute soviel lebenswerter.

 

Wenn man so eine Tanzausbildung macht und am Theater spielt ist doch das Fernsehen sicher eine deutliche Veränderung? Eine die Sie vor hatten oder wie hat sich das ergeben?

Ja, bei meinem letzten Theaterengagement hatte ich mal wieder ein paar Kilos zuviel auf den Rippen, mich im Training etwas gehen lassen und mein Vertrag wurde daraufhin nicht mehr verlängert. Für mich damals ein Weltuntergang. Aber meine unglaublich tolle amerikanische Kollegin Alicia Preston meinte: „Baby, dein Gesicht muss ins Fernsehen“. Sie nannte mir den Namen einer Schauspielschule in Berlin und so hab ich es einfach mal versucht. Nach 3 Jahren Ausbildung kam dann das Engagement bei Verbotene Liebe. Auch wenn die Schauspielerei durch die Textmengen und die vielen Emotionen mental  anstrengender ist als das Tanzen, geniesse ich jeden Tag, dass ich Essen kann was ich will, dass ich mich nicht bis zur körperlichen Erschöpfung verausgaben muss und ich mit sehr viel mehr Respekt behandelt werde als am Theater.

 

© ARD/Anja Glitsch

© ARD/Anja Glitsch

Aktuell sind Sie in der Verbotene Liebe zu sehen, in der Rolle der „Helena von Lahnstein“ Wo sind die Unterschiede für Sie im Vergleich Theater zu Daily-Serie?

Am Theater war ich eine von vielen, durfte nicht aus der Reihe tanzen, jeden Tag die selben Bewegungen, das selbe Training, die selben Stücke. Der Körper weiss von alleine was er zu tun hat. Wenn man neue Stücke lernt, schaut man sich die Choreographie an, macht sie nach, verinnerlicht sie, bis der Körper sie von alleine tanzt. Bei meiner letzten Produktion habe ich um die 400 mal im Jahr jeden Tag das Selbe Stück gespielt, am Wochenende jeweils zwei mal täglich. Wenn Du auf der Bühne bist denkst du dann an alles, nur bloss nicht an den Text und die Musik die gerade läuft, sonst wirst du wahnsinnig. Bei der Daily hingegen gilt: Jeden Tag was Neues, jeden Tag Adrenalin, alle halbe Stunde eine neue Szene einen neuen Text. Kein Tag ist gleich, wir haben viele verschiedene Sets und Aussendrehs, die Geschichte wird Woche für Woche weiter geschrieben. Ich muss der Figur Leben einhauchen, zwischen den Zeilen lesen und mir Dinge ausdenken die ich zwischen den Zeilen spiele. Ich kann selbst mitgestalten.

Auch nach 2 Jahren bin ich regelmässig sehr aufgeregt vor manchen Szenen und hab sogar Angst davor ob ich sie überhaupt spielen kann. Die Schwierigkeit hierbei ist, sich trotz täglich neuer Textmengen, schnell wechselnden Emotionen und neuer Szenen, jeden Tag eine konstante Leistung zu bringen.

 

Wie würden Sie die Rolle der „Helena von Lahnstein“ selbst beschreiben?

Haha, ich würde sagen, Helena ist mein altes ICH, bevor ich mit der Schauspielerei in Berührung gekommen bin. Sie ist sehr ehrgeizig, will immer perfekt sein und gesteht sich ungern eine Schwäche ein. Trotzdem hat sie eine sehr warme und herzliche Seite, für die Menschen die ihr nahe stehen würde sie alles tun. Helenas perfektes Leben bricht mit den neuen XL Folgen ziemlich ein, was ich als grosse Chance für die Figur sehe und mich schauspielerisch hart auf die Probe stellt. Ich hoffe ich persönlich habe meine Lektion in meinem eigenen Leben auch so gelernt, ohne dass mir so etwas passieren muss.

 

© ARD/Anja Glitsch

© ARD/Anja Glitsch

Vor kurzem wurde Marienhof abgesetzt, denkt man da als Schauspielerin manchmal nach? Hat man dann auch schonmal Angst über die Zukunft? Oder ist das alles weit weg?

Grundsätzlich lebe ich mit der Gewissheit dass alles zum eigenen Besten geschieht und auch jede negative Wendung im Leben ihre Berechtigung hat, weil etwas Besseres wartet. Von daher vertraue ich darauf, dass alles zum richtigen Zeitpunkt zu Ende geht und immer wieder etwas Neues kommt. Allerdings schaltet sich regelmässig mein Kopf ein und natürlich habe ich Zukunftsängste! Nur weil man das Glück hat einen festen Job zu haben, darf man sich nie zu sicher sein. Gerade als junger Schauspieler, sollte man auch nicht zu lange irgendwo bleiben um noch andere Rollen zu spielen und weitere Erfahrungen sammeln zu können. Es ist schwer den sicheren Hafen einfach so zu verlassen. Was kommt danach? Kommt danach überhaupt irgendwas? Aber es ist beruhigend zu sehen, dass viele VL Kollegen auch nach der Verbotenen Liebe sehr gut drehen, wie z.B. Katrin Hess (Cobra11), Inez Björg David (Männerherzen), Joscha Kiefer (Hauptrolle Soko München) ect.

 

Hat man es als schweizer Schauspielerin eigentlich in Deutschland schwerer?

Mit schweizer Akzent bestimmt! In Deutschland herrscht nun mal die sogenannte Hochsprache und wenn jemand einen Dialekt oder eine leichte Färbung in seiner Sprache hat, dann muss das geschichtlich begründet sein. Viele gehen auch davon aus dass man als Schweizer gar kein akzentfreies Hochdeutsch sprechen kann, deshalb versuche ich diese Tatsache in Deutschland auch gar nicht so sehr zu betonen. Aber ansonsten sind die Voraussetzungen die Gleichen, du brauchst eine Agentur, ein Band und jede Menge Glück.

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant?

Ich habe so viele Pläne, dass ich immer wieder zu dem Entschluss komme besser nichts zu planen weil sowieso alles anders kommt. Ganz kurzfristige Pläne sind, mein Leben bewusster zu geniessen, aus jeder Minute das Beste zu machen, mir mehr Zeit für mich zu schaffen und einfach glücklich und zufrieden zu sein. Beruflich gesehen werde ich jede Chance nutzen die sich mir bietet, und in fernerer Zukunft möchte ich wieder von Berlin aus Arbeiten.

 

Gibt es etwas, dass Sie gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würden?

Danke fürs Zuhören und gegebenenfalls das Interesse 🙂

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Mit allen Victoria-Secrets-Models! Daneben würde ich nämlich ganz schön alt aussehen 🙂

 

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de