Interview: Prof. Dr. Gerald Hüther „Das menschliche Gehirn ist ein soziales Konstrukt“

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Göttinger Neurobiologe.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

 

Foto ©Olaf Ballnus

Foto ©Olaf Ballnus

Herr Prof. Dr. Hüther, wie entstand eigentlich die Faszination Neurobiologie / Hirnforschung bei Ihnen?

Ich habe ja ursprünglich Biologie studiert und von all den vielen Lebewesen, über die ich dabei etwas gelernt hatte, schien mir der Mensch das Interessanteste. Und zwar deshalb, weil er noch so viel lernen kann. Deshalb fand ich es spannend herauszufinden, wie das geht.

 

Ende der 70er Jahre flohen Sie aus der ehemaligen DDR, warum?

Aus der damaligen DDR bin ich abgehauen, weil ich es dort nicht mehr ausgehalten habe. Ich bin offenbar jemand, der es nicht aushält, wenn er eingezäunt wird.

 

Wie kann sich eigentlich ein normaler unstudierter Mensch den ja, sagen wir Job des Neurobiologen vorstellen?

Die Neurobiologie ist ein sehr breites Forschungsgebiet. Es gibt Neurobiologen, die einzelne Ionenkanäle von Nervenzellen isolieren und sequenzieren und es gibt solche, die sich mit den Auswirkungen von Erziehung und Sozialisation auf die Strukturierung des menschlichen Gehirns befassen. Die einen stehen den ganzen Tag im Labor, die anderen gehen mit Kindern auf eine Alm. Und dazwischen gibt es alles nur denkbaren unterschiedlichen Fragestellungen und Untersuchungsmöglichkeiten.

 

Was ich sehr spannend finde, ich habe gelesen Sie untersuchten den Einfluss der Ernährung auf das Gehirn, das müssen Sie erklären, welche Zusammenhänge gibt es denn da?

Es gibt einige Bestandteile in unserer Nahrung, die einen Einfluss auf die Funktionsweise unseres Gehirns haben. Dazu zählen natürlich alle Drogen und psychoaktive Substanzen, dazu zählt auch alles, was das Gehirn für seinen Stoffwechsel braucht und was unter bestimmten Bedingungen nicht ausreichend oder im Überschuss mit der Nahrung aufgenommen wird. Was mich interessiert, sind die Auswirkungen von Nahrungsbestandteilen, die bei normaler Ernährung von uns allen mal mehr und mal weniger aufgenommen werden. Kohlenhydrate zum Beispiel. Die stimulieren die Insulinsekretion und Insulin führt zum vermehrten Verbrauch aller großen, neutralen Aminosäuren für den Muskelaufbau. Nur Tryptophan kann der Muskel nicht gebrauchen. Das kommt dann vermehrt im Hirn an und daraus wird dann mehr Serotonin hergestellt. Das wiederum hat einen harmonisierenden Effekt, führt also zu einer Beruhigung. Deshalb geben Mütter ihren Kindern ein Betthupferl zum Einschlafen.

 

Neurobiologie für den therapeutischen Alltag“ heißt Ein aktuelles Buch, schwere Kost oder wie würden Sie das Werk beschreiben?

Dieses Buch mit dem Titel „Neurobiologie für den therapeutischen Alltag“ haben Kollegen von mir geschrieben – als Geburtstagsgeschenk zu meinem 60. Geburtstag. Mein letztes Buch ist „Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher“, versteht jedes Kind.

 

Was finden Sie selbst am spannendsten an der Hirnforschung?

Am spannendsten finde ich, dass die Hirnforschung mit ihren Befunden inzwischen nachweisen kann, dass es eigentlich gar kein einzelnes menschliches Gehirn gibt, sondern dass unser Gehirn erst dadurch so wird und wo werden kann, wie es ist, indem wir miteinander in Beziehung treten, uns austauschen und voneinander lernen. Das menschliche Gehirn ist also ein soziales Konstrukt.

 

Gibt es etwas, dass Sie gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würden?

Ja, ich würde mir wünschen, dass sich vor allem junge Leute ein bisschen mehr als bisher mit der Frage befassen, wofür sie eigentlich leben wollen, was ihnen wirklich, wirklich wichtig ist.

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

In der Sauna sind ja alle Leute nackt und dort kann auch keiner angeben mit all dem, was er tolles im Leben erreicht hat und was er geworden ist. Deshalb finde ich es besonders interessant, dort auf Leute zu treffen, um die ich im angezogenen Zustand lieber einen Bogen machen würde.

Also: in der Sauna finde ich jeden interessant, der nackt dort sitzt und schwitzt.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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