Interview: Raimund H. Drommel „Als Sprachprofiler werde ich immer dann eingeschaltet, wenn Straftaten unter Verwendung von Sprache begangen werden“

Raimund H. Drommel ist ein deutscher Sprachprofiler.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

 

Foto: Raimund H. Drommel

Foto: Raimund H. Drommel

Raimund, Sie sind Sprachprofiler, wie kann man sich diesen Beruf vorstellen?

Als Sprachprofiler werde ich immer dann eingeschaltet, wenn Straftaten unter Verwendung von Sprache begangen werden oder durch Sprachanalyse aufgeklärt werden können. Das beginnt mit den klassischen anonymen Briefen, von Schmähbriefen bis hin zu Bekennerschreiben von Terroristen, und setzt sich dann fort durch die verschiedenen Deliktformen im Internet, vom anonymen Cybermobbing unter Jugendlichen bis hin zu anonymen Websites, gehostet in Asien oder Südamerika, die gewissermaßen als Abschussrampen für Angriffe auf Unternehmen genutzt werden.

Meistens arbeite ich allein oder zusammen mit meinen Mitarbeitern. Immer häufiger werde ich aber auch von Krisenstäben, Task Forces oder Sonderkommissionen eingeladen, um bei Problemlösungen zu helfen. Das macht dann besonders viel Spaß, weil Expertenwissen aus verschiedenen Bereichen zusammenkommt.

 

Als Sprachprofiler schaue ich gewissermaßen durch einen beweiserheblichen Text (Brief, Fax, E-Mail, SMS, Forenbeitrag usw.) hindurch auf dessen Urheber. Zuerst versuche ich das Tätermotiv und den Tätertyp zu erfassen, um ggf. auch eine Gefahreneinschätzung vornehmen zu können, etwa bei einer angedrohten Lebensmittelvergiftung oder bei einem angekündigten Anschlag. Sodann werden ein SprachVerhaltensProfil und ein klassisches Autorenprofil (zu Geschlecht, Alter usw.) angefertigt, wobei die individuellen sprachstilistischen Merkmale erst ganz am Schluss erfasst werden.

Im Allgemeinen kann man sich die Arbeit einteilen, Wochenenden oder der Nachtschlaf müssen aber auch schon einmal ganz oder teilweise geopfert werden, etwa wenn Gefahr im Verzug ist und ein Ergebnis dringend benötigt wird. Sprachprofiler ist ein Beruf, der viel Begeisterung und sehr viel Durchhaltevermögen verlangt. Die Einstellung zu diesem Beruf ist fast noch wichtiger als die erforderlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse.

 

Welche Kenntnisse braucht es dafür?

Einsteigen kann man nach einem Studium der Sprachwissenschaft/Germanistik, nach einem Studium der Psychologie oder auch der Kriminalistik/Kriminalwissenschaften/Kriminologie. In die anderen Bereiche kann man sich dann sukzessive einarbeiten.

 

Auf Ihrer Webseite steht, anhand von Sprachproben lassen sich Persönlichkeitsmerkmale aufzeigen, wie funktioniert das genau?

Es ist faszinierend, wie sich Persönlichkeit in der Sprache ausdrückt. Immer wieder fällt mir dabei die Aussage des Franzosen Condillac ein: Der Stil, das ist der Mensch (selbst).

Ich will Ihnen das gerne einmal exemplarisch an drei Gegensatzpaaren erläutern, nämlich (1) an einem Merkmalspaar unserer Grundmotivationen, (2) an einem motivationsenergetischen Merkmalspaar und (3) an einem Merkmalspaar der Informationsverarbeitung: (1)Streben nach Sicherheit und Geborgenheit vs. Streben nach Sozialer Anerkennung, (2) Zielorientierung vs. Problemorientierung und (3)Detailorientierung vs. Globalorientierung

(1) Der nach Sozialer Anerkennung strebende Mensch wird häufig charakterisiert als „das Großmaul“, seine Kommunikation ist ich-betont, extrovertiert, häufig laut, Leitbegriffe: Prestige, Exklusivität, Schlüsselsatz: „Ich weiß schon alles.“ Passender Werbeslogan: „Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.“ Der nach Sicherheit und Geborgenheit strebende Mensch hingegen gilt oft als „der Ängstliche“, seine Kommunikation ist bescheiden, meist leise und stets zurückhaltend, Leitbegriffe: Sicherheit, Erprobtes und Bewährtes, Schlüsselsatz: „Funktioniert das auch wirklich?“ Passender Werbeslogan: „Gutes muss nicht teuer sein.“

(2) Zielorientierte Personen sind auf ein oder mehrere Ziele konzentriert; aus diesen Zielen schöpfen sie ihre Energie und Begeisterung, Problem-Erkennung und Problem-Vermeidung fallen ihnen schwer (Sprachsymptom: „Ich will A, B, C“); problemorientierte Personen hingegen bemerken sofort, was verhindert werden soll, sie ziehen ihre Motivation aus Problemlösung oder Gefahrenabwehr (Sprachsymptom: „Ich will nicht A, B, C“).

(3) Detailorientierte Menschen, schildern viele Einzelheiten und achten auf lineare Sequenzen, sie bevorzugen kleine Informationseinheiten und können auch bei ihrer eigenen Textgestaltung manchmal den Überblick verlieren; global orientierte Menschen können – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit mit Details umgehen, sie präsentieren Informationen bisweilen in zufälliger Reihenfolge wollen aber immer den Überblick behalten und sind auf den großen Zusammenhang fokussiert.

 

Ihr aktuelles Buch heißt „Der Code des Bösen“ was erwartet den Leser da?

Ich habe bei meinem populären Erstlingswerk ganz bewusst besonderen Wert auf eine – wie ich meine – interessante, jedenfalls sehr bunte Mischung der Fälle gelegt, in der Hoffnung, dass für jeden Leser etwas besonders Interessantes dabei sein möge. Einige Fälle, wie Erzwungene Briefe, Tod eines Anwalts oder Lösegeld im Tunnel, lesen sich fast wie Thriller, sind also besonders Krimifreunden zu empfehlen, und ich habe sie ganz persönlich auch als Thriller erlebt. Bei anderen Fällcen wie bei Möllemanns pfiffige Idee oder Tierschutzprozess handelt es sich fast um Realsatire – Witz und Humor wird der Leser bei der Lektüre dieser Kapitel kaum vermissen. Die spektakulären Polit-Affären der 80-er und 90-er Jahre, Rien ne va plus!, Rubbelkomplott, Uwe Barschels Ende, sind ein Stück Zeitgeschichte und werden aus der Perspektive des beteiligten Sprachprofilers geschildert; vor allem ältere Leser, die diese Affären und deren Berichterstattung damals bewusst miterlebt haben, haben mir geschrieben, mit welchem Interesse, aber auch mit welcher Betroffenheit sie mein Buch gelesen haben.

Der Zeitbogen dieses Buches spannt sich von meinem ersten Fall Verleumdung auf Amtsdeutsch aus 1986 bis zu einem Fall, der noch lange nicht abgeschlossen ist – Der Puppenspieler.

Zum Tierschutzprozess, nach Auffassung vieler Beobachter der spektakulärste Prozess des Jahres in Österreich, wurde erst kürzlich, nämlich am 2. Mai 2011, das Urteil gesprochen. Mit dem Kapitel Cyberstalking wird eine der vielen Deliktformen geschildert, die erst durch das Internet möglich geworden sind und uns in den nächsten Jahrzehnten verstärkt beschäftigen werden.

Spezielle Zielgruppen des Buches sind Polizisten, auch Juristen, und Deutschlehrer, erstere, weil sie einen neuen Weg zur Aufklärung von Verbrechen kennenlernen, letztere, weil sich ihnen ein neuer Zugang bietet, um ihre Schüler für die Beschäftigung mit der Sprache zu interessieren. Auf der anderen Seite kann jeder von uns zur Zielscheibe anonymer Angriffe werden. Daher kann das Buch auch als Ratgeber für aktuelle und künftige Opfer anonymer Angriffe verstanden werden.

In erster Linie aber will das Buch, das dem neuen Genre der True Crime Literature angehört, dem Leser eines bieten: möglichst spannende Unterhaltung.

 

Können Sie anhand der wenigen Fragen und des kurzen Kontaktes Teile meiner Persönlichkeit erkennen oder wieviel brauch es dafür?

Na klar doch. Auch in seinen Fragen ist der Mensch gegenwärtig.

Dass Sie ein neugieriger Mensch sind, wird auch dem Nicht-Profiler sofort einleuchten. Ferner gehen Sie gerne deduktiv vor, also vom Allgemeinen zum Besonderen, was nicht bei allen Interviewern so ist. Von den skizzierten Profil-Gegensatzpaaren trifft weder ein übersteigertes Streben nach Sicherheit und Geborgenheit noch ein extremes Bemühen um Soziale Anerkennung auf Sie zu. Diesbezüglich notiere ich mal „ohne Befund“ (o. B.) und verweise auf eine andere Grundmotivation, die vermutlich bei Ihnen dominant sein könnte, nämlich der Hang zu Unabhängigkeit und Verantwortung. Die Zielorientierung – wen wundert’s – ist bei Ihnen ebenfalls deutlicher ausgeprägt als die Problemorientierung. Anhand allein von Fragen auf eine Global– oder Detailorientierung zu schließen, ist recht schwierig. Es zeigt sich aber eine klare Tendenz zur Globalorientierung. Dafür gibt es einige interessante Indizien: Deduktives Vorgehen (siehe oben), keine Frage nach dem interessantesten, gefährlichsten usw. Fall. Die Drucküberwachung bei Ihren Fragen – gute Textpflege ist ebenfalls ein Detailmerkmal – ist nicht ganz optimal. Auch sind Sie eher zukunfts- als vergangenheitsorientiert, siehe übernächste Frage.

Ich breche hier mal ab, damit unsere Leser nicht zu tief in Ihre Persönlichkeit hineinschauen …

 

Foto: Raimund H. Drommel

Foto: Raimund H. Drommel

Kann ich dieses Sprachprofiling lernen, oder bedarf es da eine größere Vorarbeit?

Grundsätzlich ja. Jeder, der sich intensiv für Sprache interessiert, hat den Profiler-Stab quasi im Tornister. Sie sollten sich gleich einmal auf einem rechtlich zunächst scheinbar unbedenklichen Feld versuchen: Profilen Ihres sozialen Umfeldes. – An welchen sprachlichen Eigenarten würden Sie Ihre Partnerin, Verwandte oder Freunde sofort erkennen? Welche der oben angeführten Persönlichkeitsmerkmale zeichnen sie aus? Parallel sollten Sie die einschlägige Fachliteratur studieren – Konrad Schima etwa, der mir spontan einfällt, hat wunderbare Bücher zum Thema „Erpressung“ geschrieben – und nachvollziehen, wie Fälle durch Sprachprofiling gelöst worden sind.

Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. – 5 Euro ins Phrasenschwein. 😉

 

Aber ich halte es tatsächlich mit dem alten Nike-Slogan: „Just do it!“ Sprachprofiler wird man dann über die Jahre durch die Erfahrung bei der Begehung vieler sprachlicher Tatorte.

 

Was ist für die nahe Zukunft und darüber hinaus noch geplant?

Endlich muss mein mehr fachwissenschaftliches Begleitbuch zu Der Code Bösen in Druck gehen, nämlich die Sprachwissenschaftliche Kriminalistik (= Grazer Linguistische Monographien, GLM), Band 30, etwa 200 Seiten stark. Dessen Fertigstellung wurde durch die erneute Flut von Profiling-Fällen seit Jahresanfang stark verzögert.

Dann folgt die Bearbeitung und Lösung meiner aktuellen Fälle für Unternehmen, Gerichte und Staatsanwaltschaften und auch für einige Privatpersonen.

 

Gibt es etwas, dass Sie gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würden?

Ja. Dreierlei.

1. Botschaft an alle potenziellen anonymen Angreifer: „Straftaten mit Sprache als Tatwaffe lohnen sich nicht. Die Gefahr, identifiziert zu werden ist größer als ihr glaubt.“

2. Botschaft an alle Opfer anonymer Angriffe, etwa beim Cybermobbing unter Jugendlichen: „Kein Opfer ist schutz- und wehrlos. Gebt nicht auf, sondern lasst euch privat und professionell beraten.“

3. Botschaft an alle, die Profiler werden möchten: „Was immer ihr tut, tut es mit dem Talent, das ihr habt – lasst es, wenn ihr keines habt (!) – und tut es vor allem mit großer Begeisterung und Leidenschaft. – Es gibt viele schöne Berufungen und Berufe.“

 

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Momentan nicht mit Alice Schwarzer. Aber das kann sich wieder ändern. Fragen Sie mich bitte noch mal nach dem nächsten Buch.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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