Interview: MTV GameOne Simon „Spiele haben sich über die Grenzen der „Nerds“ hinaus entwickelt“

Simon Krätschmer ist ein Moderator der MTV-Sendung GameOne

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

 

Simon, warum spielst Du Computerspiele, was macht für Dich die Faszination aus?

Spiele bieten einem Erfahrungen, die man ohne sie nie machen könnte – und im echten Leben sicher nicht machen wollen würde. Armeen, Städte, Welten aufbauen – und die von anderen gleichzeitig kaputthauen … wo sonst kann man das schon ohne schlechtes Gewissen?

Wenn ich an all die Schlachten denke, die ich in meiner Jugend mit Freunden online oder auf kleinen LAN-Parties zu Hause geschlagen habe! Man hat zusammen Abenteuer erlebt – und nicht einfach nur nebeneinander im Kino gesessen. Für nicht Games-erfahrene Leser klingt das sicher etwas bescheuert – doch das hat mich und meine Freunde zusammengeschweisst wie es sonst nur echte Konflikte können. Auch Jahre später braucht man bei seinen „Kameraden“ nur ein paar Reizwörter fallen lassen („Ey, weisst du noch, damals, Wake Island?“) und schon schwelgt man zusammen in Erinnerungen. Wenn eine Sache für zwei Menschen so real wirkt, ist sie dann wirklich „nur“ virtuell?

Aktuell nutze ich Online-Spiele um mit denselben alten Freunden in Verbindung zu bleiben und sich auszutauschen – man wohnt weit auseinander, verbringt aber trotzdem seine Freizeit miteinander und kann sogar noch kostenlos via Teamspeak über alles quatschen was einen so beschäftigt. Das funktioniert überraschend gut.

 

Kannst Du dich noch an Dein allererstes Spiel erinnern?

Es war – leider, sozusagen – das in diesen Fällen immer wieder gerne genannte und somit schon fast langweilige „Pong“ bzw. ein deutsches Plagiat namens „Tennis“. Als mir mein Vater diesen komischen Kasten mitbrachte, war das Ur-„Pong“ aber auch schon ein paar Jährchen alt. Danach gings nahezu nahtlos weiter mit allem was man so bekommen konnte, vom C64 über den ersten 286er-PC über Konsolen wie Mega Drive und Super Nintendo, dann wieder zurück zum 486er-PC und so weiter und so weiter. Spätestens ab der Playstation war dann über kurz oder lang bei mir zu Hause alles am Start, was piept, blinkt und Strom verbraucht. Die Eltern hatten schnell keinen Bock mehr für soviel „Quatsch“ Geld rauszurücken, deshalb musste ich mir diesen Spaß mit dem Schreiben von Spiel-Lösungsbüchern verdienen.

 

Gibt es Spiele die Du schon Jahre kennst und immer wieder rausholt und zockt?

Bei mir ist das ganz klar „Halo Wars“ im Multiplayer-Modus, ein eigentlich ungemein unscheinbares und taktisch alles andere als anspruchsvolles Strategiespiel im „Halo„-Universum für die Xbox360. Ich weiss nicht warum, ich spiele es jetzt schon seit Jahren fast jeden Tag, ich fühle mich mittlerweile darin so heimisch das eine Runde auf mich fast wie Meditation wirkt. Außerdem ist es nicht so ungemein stressig wie z.B. eine Online-Runde „StarCraft II„, bei der einem schon mal die Tränen kommen können und an deren Ende sich jeder 30jährige wirklich sehr, sehr alt fühlt.

Alle paar Jahre spiele ich außerdem immer wieder mal die „Shenmue“-Serie, die vielen guten Lucas Arts- und Sierra-Adventures, „Bad Company 2„, „Tekken: Tag Tournament“ (wegen dem genialen Tag-Features, was seitdem sträflich vernachlässigt wurde), „Flower“ (das zeige ich neben „Heavy Rain“ grundsätzlich Menschen ohne Games-Hintergrund, die mich zu Hause besuchen) und hier und da auch eines der momentan ja sehr populären Remakes und Re-Imaginations. Gerade vor kurzem erst „Crazy Taxi“ für die „Xbox Live Arcade“ gekauft und mich verarscht gefühlt weil „Offspring“ nicht dabei war. Das hat damals auf dem Dreamcast locker die Hälfte des Spielspaßes ausgemacht und die Säcke nehmen das einfach so raus und schimpfen es dann sogar noch „Classic“.

Mein persönlicher Spielgeschmack ist ein guter Mix aus neuem, alten und sehr altem. Manchmal findet man auch einfach nur auf dem Flohmarkt ein Spiel für nen Euro das einem damals zu teuer war, nimmt es mit und zockt es zu Hause an, einfach nur um der guten alten Zeit willen – und ist überrascht das es selbst heute noch Spaß macht! Es gibt ohnehin viele Gründe, alte Spiele, die einen durch Kindheit und Jugend gebracht haben anzuspielen.

 

Bis auf die offensichtlichen Änderungen wie etwa die Grafik, haben Sich die Spiele heute sehr verändert zu denen aus den Anfangszeiten?

Oh ja. Genausogut könnte man fragen: Haben sich Filme in den 20 Jahren verändert? Alles ist anders als damals, alleine die Physik-Engines die heutzutage in fast jedem Spiel vorhanden sind sorgen für eine völlig andere Wahrnehmung des Mediums „Spiel“ als früher. Spiele wie „L.A. Noire“ machen dann durch ihren Einsatz innovativer Technik gleich ein ganz anderes Fass auf. Plötzlich werden die Spielregeln verändert  – und virtuelle Figuren bekommen endlich auch visuelles Leben eingehaucht. Der Nutzen für den Spieler ist gigantisch.

Im Vergleich zu damals sind Spiele nicht mehr so abstrakt und „nerdig“. Selbst jemand ohne Games-Hintergrund und -Wissen kann sich ein „Portal“ schnappen und einfach Spaß haben. Die meisten Spiele sind zwar immer noch komplex, lassen aber jederzeit einen schnellen einfachen Einstieg zu.

 

Was stört Dich am meisten in der Spielebranche?

Dasselbe wie in allen Branchen (und in der Welt generell): Das das schnell verdiente Geld dem gut investierten Geld stets vorgezogen wird. Außerdem müssen Publisher im Umgang mit den heutigen Medien deutlich souveräner werden, da hinkt die Branche der Medien-Konkurrenz deutlich hinterher.

 

Ich habe vor kurzem ein Interview gemacht mit Jo Seitz, dem Entwickler von Hollywood Pictures von 1995 (Sayonara Software) der sich selbstständig machte um sein Wunschspiel zu entwickeltn „World of Cinema“ das entwickelt er gerade mit der Community ohne wirklich Gewinn daran zu machen, er sagte das viele Publisher einfach nur halbfertige Spiele auf den Markt werfen um schnell Geld zu machen etwa Kalypso, wie beobachtet Ihr diese Tatsache und wie ist da Deine Meinung? denn offensichtlich funktioniert es ja aber warum?

Es funktioniert weil viele Leute gar nicht so einen hohen Anspruch an Spiele haben wie „wir“ Leute von der Presse. Die Zeit der Garagenfirmen ist nunmal vorbei und die Ära des Großkapitals ist angebrochen. Das muss aber nicht so schlimm sein, je größer die „Standard“-Spiele werden desto mehr Platz ist für die kleinen, ausgefeilten Spiele, die nicht mit einem Riesenbudget aber dafür mit Liebe zum Thema aufwarten können.

Das gab es bis vor wenigen Jahren noch nicht so stark, da war im Grunde nur die „Mod“-Gemeinde – und selbst die wurde anfangs erst einmal belächelt … bis sie mit „Counter Strike“ die mächtigste Marke der letzten 10 Jahre schuf und professionelle Entwickler ziemlich alt aussehen ließ.

 

Casual Games, gut oder schlecht?

Auf jeden Fall gut. Wir selbsternannten „Hardcore“-Gamer weinen ja gerne rum weil viele von uns der Ansicht sind das der „Casual“-Markt das Thema „Spiele“ verwässert und/oder solange simplifiziert bis wir unsere Lieblings-Genres nicht mehr wiedererkennen. Rollenspiele sind ein gutes Beispiel für diesen Vorgang, hier wird mit jedem neuen Titel alles noch ein wenig einfacher, noch ein wenig action-orientierter, noch „casual“iger. Zum Beispiel „Dragon Age II im Vergleich zum Vorgänger „Dragon Age„.

Letztendlich ist es jedoch nur ein ganz normaler Vorgang. Spiele stecken nicht mehr in den Kinderschuhen. Sie haben sich über die Grenzen der „Nerds“ hinaus entwickelt und begeistern in ihrer Bandbreite nun auch Menschen die eigentlich gar keine Lust auf „Spiele“ haben. Lange Zeit haben sich Gamer genau das gewünscht, nämlich das ihr Hobby das ihnen so viel bedeutet von den „normalen Leuten“ da draussen wahrgenommen und akzeptiert wird. Wieso soll genau das jetzt plötzlich ein Fehler sein?

 

Welche Spiele würdest Du im Moment empfehlen unbedingt mal zu spielen?

Portal 2“ (am Besten inklusive „Portal“) – weil es einfach zu gut ist um nicht gespielt zu werden. Das lustigste Spiel mit den originellsten Charakteren seit langer Zeit, so viel aus so wenig rauszuholen, das ist schon echte Kunst.

L.A. Noire“ spiele ich selbst seit einigen Tagen und bin begeistert von den lebensechten Gesichtern der Charaktere. Ich hätte nicht gedacht, das gute Gesichter so viel ausmachen.

Ansonsten bin ich der Meinung das „Bad Company 2“ im Online-Modus deutlich mehr Spaß macht als z.B. „Modern Warfare 2„, „Black Ops“ oder „Killzone 3“ – kann ich jedem Fand des guten alten „Battlefield“-Gefühls nur wärmstens empfehlen!

 

Das letzte Spiel, was ich spielte war Homefront, mir ist da direkt am Anfang eine sehr brutale Szene aufgefallen die wirklich ans Herz geht, als Eltern erschossen wurden und das kleine Kind da stand und furchtbar weinte. Muss das sein? Die Spiele sind FSK18, aber solche Elemente sind offensichtlich für u18 Spiele produziert oder wie denkt Ihr darüber?

„Homefront“ hat eine Menge Fehler und versucht die mit „harten“ Gewaltszenen zu überspielen. Da muss man an manchen Stellen schon mal schlucken – allerdings sind andere Stellen im Spiel schon wieder so dämlich, unlogisch und … naja … „billig“, das man „Homefront“ nach einer Weile einfach nicht mehr ernst nehmen kann, was dann auch diese „härteren“ Szenen wieder etwas entschärft.

Das komplette Thema „Gewalt in Spielen“ ist jedoch ein enorm großes und umfangreiches und kann hier sicher nicht in ein paar Zeilen abgehandelt werden. Wir bei „game one“ versuchen bei entsprechenden Spielen darauf hinzuweisen und Meinungen anzubieten, allerdings kann man hier wirklich nicht alle Spiele über einen Kamm scheren. Manche brutalen Spiele sind letzten Endes völlig harmlos, andere wiederum nutzen ganz gezielt Gewaltexzesse um sich im Gros der Genre-Konkurrenz in den Vordergrund zu spielen. Solche Titel sollte man bestenfalls ignorieren, um Entwickler und Publisher nicht auch noch für eine solche Taktik zu belohnen.

 

Was glaubst Du, wie wird sich die Branche in Zukunft entwickeln und wie wird ein Computerspiel im Jahr 2020 aussehen?

Gar nicht so viel anders als jetzt, da grafisch erstmal nicht mehr so enorme Quantensprünge wie bei den vorangegangenen Generationen zu erwarten sind. Alles wird in 60 Frames laufen, superflüssig sein und echt gut aussehen, sicher ist „3D“ und vielleicht auch „Virtual Reality“ ein Thema – doch das wird in 10 Jahren dann eigentlich keinen mehr interessieren. Stattdessen werden sich Spiele langfristig von ihrem großen Vorbild, dem Film, emanzipieren müssen und eine alternative Präsentationsform finden.

Spiele wie „Heavy Rain“ sind geniale Experimente die das Genre an sich voranbringen aber die Lösung auf alle Probleme sind QTEs und (noch) mehr Cutscenes sicher auch nicht. Spiele müssen ihren eigenen Weg finden die Leute zu unterhalten – und nicht einfach nur über den Zaun gucken und die Nachbarn kopieren. Früher waren Spiele simpler – aber auch meistens noch mehr „Spiel“.

Allerdings zeigt die blühende Independent-Szene ja schon seit Jahren das man für gute Spielideen nicht zwangsläufig auch eine originelle Story oder Städte in GTA-Ausmaßen braucht, oft reicht schon etwas so simples wie eine Waffe die Portale verschießt um alles bisher dagewesene aus den Angeln zu heben.

 

Mit wem würdest Du nicht in der Sauna sitzen wollen?

Ganz klar mit Mario. Mamma Mia.

 

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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