Ritsch + Renn “Alle unsere Cartoons sind autobiographischen Ursprungs”

Harald Ritsch und Marcus Renn sind Cartoonisten.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen dieses Interviews.

renn Ritsch + Renn Alle unsere Cartoons sind autobiographischen Ursprungs

Foto: Marcus Renn

Harald, Sie zeichnen und Marcus, sie texten, was würde passieren, wenn Sie beide die Rolle einmal tauschen würden? Haben sie ein Talent für die Arbeit des jeweils anderen?

Harald: Sie werden lachen, aber wir versuchten es jahrelang auf die von Ihnen vorgeschlagene Weise. Erfolg: nullkommanull.

Marcus: Also änderten wir die Strategie. Wir begannen, Teilbereiche des jeweils anderen zu übernehmen. Am Anfang waren dies nur einfachere Aspekte wie zum Beispiel die Arbeitszeiten. Da wir aber dieselben Arbeitszeiten hatten, änderte das nicht viel.

Harald: Genau. Als nächstes nahm ich die Kontaktlinsen von Marcus und er bekam meine Brille. Wir sahen unsere Arbeit in ganz neuem Licht.

Marcus: Ja schon, trotzdem war das der falsche Weg. Wir mussten wesentlich tiefer in das Problem dringen. Wir tauschten unsere Schwiegermütter. Das klappte nach Anfangsschwierigkeiten recht gut. Nur unsere Ehefrauen kamen aus etwas diffusen Gründen nicht klar damit.

Harald: Das stimmt; also mussten wir auch sie austauschen. Sie denken wahrscheinlich, dass sich so sämtliche Probleme in Wohlgefallen aufgelöst haben. Haben sie aber nicht. Wer sollte jetzt in welcher Wohnung wohnen?

Marcus: Kannst du dich noch erinnern, wie wir dein 5000 Liter Aquarium umsiedelten und dafür den Türstock der Eingangstüre rausreißen mussten?

Harald: Hör auf, ich will mich nicht erinnern.

Marcus: Wie auch immer, am Ende hatte Harald alles, was eigentlich mir gehört. Natürlich suchte ich augenblicklich das Wiener Landesgericht auf, um diesen Umstand einzuklagen.

Harald: Ich tat genau dasselbe. Und im Nachhinein kann ich behaupten, dass ich den Prozess beinahe gewonnen hätte.

Marcus: Wie ich. Na ja, der Richter veranlasste die Rückführung alles Ausgetauschten, nur bei den Schwiegermüttern biss er auf Granit. Die wollten sich in ihrem Alter nicht mehr umgewöhnen.

Harald: Nach dieser Geschichte waren wir am Ende unseres Lateins und beschlossen, da herkömmliche Ideen nicht fruchteten, nur mehr aberwitzige Ideen umzusetzen.

Marcus: So war es. Ich gab Harald meinen Zeichenstift und bekam seine Schreibmaschine. Und hier sitzen wir.

In Eurer halboffiziellen Bio steht, Ihr kennt euch, seitdem Eure Mütter euch vor die Tür gesetzt haben, also ein eingespieltes Team, gibt es eigentlich mal Streit, dass einer von Ihnen mit der Arbeit des anderen nicht zufrieden ist oder ähnliches?

Marcus: Ich bin ein von Grund auf harmonischer Mensch, der den Frieden liebt. Daher streite ich nicht.

Harald: Harmonische Menschen, die den Frieden lieben, zerkratzen nicht die chinesischen Serviettenringe ihrer Freunde.

Marcus: Sollte in der Vergangenheit irgendein chinesischer Serviettenring von irgendwem einen Kratzer abbekommen haben, so hat das ganz sicher seinen Grund in einem wesentlich größeren und tieferen Kratzer in einer Duke Ellington Single, die ein Erbstück war. Und unersetzlich.

Harald: Merken Sie wie er ablenkt? Da kann man ja in einer tollwütigen Beutelratte mehr friedvolle Harmonie finden.

Marcus: Kann man nicht. Der tollwütigen Beutelratte ist friedvolle Harmonie vollkommen fremd.

Harald: Was zum Geier verstehst du von friedvollen Beutelratten?!? Die strotzen nur so von Harmonie! Was verstehst du überhaupt von Beutelsäugern?!? Wie viele Zitzen hat das Fettschwanzbeutelratten-Weibchen??? Hä??? 15!!!

Marcus: Harald hat einmal Zoologie studiert. Aber nur ein Semester.

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Foto: Harald Ritsch

Cartoons heißt ja nicht gleich “Zielgruppe: Kinder”, Warum glaubt Ihr, haben auch Erwachsene Menschen so viel Spaß an Gezeichnetem? Oder warum glaubt Ihr, dass Gezeichnetes immer mit Kindern verbunden wird?

Marcus: Alle Kinder zeichnen gerne. Und Kinderzeichnungen verkörpern all das, was Kinder so besonders macht: Phantasie, Neugierde und Unberechenbarkeit, Offenheit, Emotionalität und Widersprüchlichkeit. Wenn Kinder erwachsen werden, hören sie meistens auf mit dem Zeichnen. Mit der Fähigkeit, sich in Bildern auszudrücken, verlieren sie auch alle anderen besonderen Eigenschaften. Aus ihrer Phantasie wird Sachlichkeit, aus Neugier Abgeklärtheit. Erwachsene sind berechnend und berechenbar, Widersprüche sind ihnen zuwider. Die Ratio bestimmt das Leben und nicht das Gefühl. Nur manchmal erinnern sie sich an ihr eigenes Kinderselbst und spüren ihre anarchischen Wurzeln. Das passiert etwa, wenn sie lustige Zeichnungen betrachten. Die Freude der Erwachsenen an gezeichnetem Spaß entspringt einer Sehnsucht nach der Unbeschwertheit ihrer Kindheit.

Harald: Marcus hat einmal Psychologie studiert. Aber nur ein Semester.

Auf Eurer Webseite steht, dass auch Kunden Eure Dienste in Anspruch nehmen um durchaus sperrige Werbebotschaften zu vermitteln. Die ct ist einer dieser Kunden?

Harald: Nein nein. Die c’t ist ja das offizielle Fachblatt der “Gesellschaft für informationstechnologisch induzierten Wahnsinn” und als solches gar nicht an Werbebotschaften interessiert. Der Fokus liegt vielmehr auf der Bemühung, die Anzahl jener Menschen, die durch Computerarbeit den Verstand verlieren und dadurch arbeitsunfähig werden, zu minimieren.

Marcus: In der Redaktion arbeitet ein hochspezialisiertes Team aus Psychiatern, Osteopathen und Teufelsaustreibern an Beiträgen zur Eindämmung des digitalen Burnouts, einem Massenphänomen, das die Gesellschaft jährlich zig Millionen Euros kostet.

Harald: Unsere Aufgabe im Team ist es, die besonders schwerwiegenden Fälle des “delirium computans” therapieunterstützend zu begleiten. Wer lacht, wird schneller gesund und kann auch schneller wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Die Cartoons, die wir für die c’t anfertigen, werden daher auch direkt von der “Krankenversicherungsanstalt der Informatiker” bezahlt.

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Ich persönlich kenne Eure Zeichnungen aus der ct. Wie lange braucht es eigentlich von einer Idee, wie aktuell zu der in eine der letzten Ausgabe der ct erschienenen Zeichnung mit dem Bluescreen, bis zur fertigen Zeichnung mit Text?

Harald: Wieso Idee? Alle unsere Cartoons sind autobiographischen Ursprungs.

Marcus: Das hat den Vorteil, dass wir nicht lange überlegen müssen. Wir warten einfach, bis der nächste Cartoon passiert ….

Harald: ….. und zeichnen die Szene dann live ab.

Marcus: Glauben Sie ja nicht, dass das einfach ist. Vor allem bewegte Szenen sind extrem schwierig abzuzeichnen und müssen oft wiederholt werden. Harald, – erinnere dich nur an den Cartoon, in dem ein Schifahrer in einer riesigen Schneekugel steckt und eine Felswand hinunter stürzt ….

Harald: Ja ja ….. Wir mussten den armen Kerl dutzende Male wieder hinauf rollen und wieder hinunter stürzen, bis der Cartoon endlich fertig gezeichnet war …..

Wenn man sich einmal die Liste Eurer Referenzen anschaut wird einem ja ganz schwindelig, seit wann könnt Ihr eigentlich von Eurer Arbeit leben? War der Anfang nicht ziemlich schwer?

Marcus: Im Gegenteil. Der Anfang war das leichteste. Als uns der Erfolg quasi über Nacht ereilte, waren wir Studenten und daran gewöhnt, uns 2 Wochen lang von einem Laib Brot zu ernähren.

Harald: Als wir unser erstes Honorar, umgerechnet 170 Euro erhielten, wussten wir zunächst gar nicht, was wir mit so viel Geld anfangen sollten und kauften uns gleich einmal 320 Laibe Brot.

Marcus: Heute hingegen haben wir arg zu kämpfen. Jeden Monat ist es das gleiche Zittern: Geht es sich aus oder müssen wir auch diesen Monat unseren Firmentresor wieder vergrößern, weil die neuen Goldbarren nicht hineinpassen…..

Gibt es etwas, das Ihr  gerne an dieser Stelle dem Leser mitteilen würdet?

Marcus: Ja das gibt es: Wir meinen das alles gar nicht so. In Wirklichkeit möchten wir …

Harald: Ach halt doch die Klappe!

Mit wem würden Sie beide nicht in der Sauna sitzen wollen?

Harald: Wir möchten keinesfalls mit Scarlett Johansson in der Sauna sitzen und mit ansehen müssen, wie der Schweiß von ihren Brüsten tropft und sich ihr dampfender Körper vor uns räkelt, weil uns nämlich jede Form von Voyeurismus und Sexismus zuwider ist.

Marcus: Das stimmt. Wenn uns etwas heilig ist, dann sind es diese drei Dinge: Keuschheit, Enthaltsamkeit und Notlügen.

nachgebloggt bedankt sich ganz herzlich für dieses Interview. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sich die Zeit nimmt für ein Interview, für seine Fans, für interessierte Menschen. Wenn Dir dieses Interview gefällt, sage es gerne weiter und wenn Du noch Fragen hast, darfst Du diese gerne hier stellen.

 

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© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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