Christine Neder „Couchsurfing eignet sich sicher nicht für jeden“

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Die anderen hatten schon genug Angst um mich, da habe ich selber keine mehr gebraucht. Ich bin eigentlich ziemlich entspannt  an die Sache rangegangen.

90 Nächte, 90 Betten - Christine Neder - Cover

90 Nächte, 90 Betten„, Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt?

Eigentlich aus der Not heraus. Bevor ich nach Berlin gegangen bin, war ich in München, für ein Praktikum. Ich habe mich nebenbei auf feste Stellen beworben und gehofft, dass ich irgendwo genommen werde. Deswegen habe ich mich auch nicht um eine Wohnung in Berlin gekümmert. Ich wollte nicht in eine WG, um dann nach zwei Wochen wieder festzustellen, mit was für Idioten ich zusammen wohne. Alleine wohnen wollte ich auch nicht, weil ich Angst hatte, dass ich wie damals in München niemanden kennenlernen werde. Wenn man in eine Stadt geht, in der man wirklich keinen kennt und von früh bis abends arbeitet, ist es sehr schwer neue Kontakte zu knüpfen. Ich habe in München die erste Zeit in Einsamkeit verbracht. Außerdem wusste ich auch nicht wo ich in Berlin hinziehen soll und wollte nicht wie in Studienzeiten in  Bielefeld am Ende der Welt wohnen, weil ich keine Ahnung von der Stadt habe. Weil ich also im Großen und Ganzen auf gar nichts Lust hatte und eigentlich in München bleiben wollte, bin ich mit einer Freundin in den Urlaub nach Rumänien gefahren. Dort habe ich zum ersten Mal von Couchsurfing gehört und auch Couchsurfer kennengelernt.

Als ich zurück in Deutschland war und sich herausstellte, dass sich kein Jobangebot ergab, musste ich mich also mit der Tatsache abfinden, dass es für ein weiteres Praktikum nach Berlin gegangen ist. Eine Wohnung habe ich mir aber immer noch nicht gesucht. Dafür habe ich eines Tages die Neon gelesen und somit von dem Buch „365 Nächte“ gehört, in dem die 40-jährige Carla Muller ein Jahr lang jeden Tag mit ihrem Mann Sex hatte. Ich dachte mir, dass sei eine geniale Idee. Irgendetwas über einen längeren Zeitraum hinweg ausprobieren und dann über seine Erfahrungen berichten. Möglichst ein bisschen verrückt sollte es sein und auch nicht zu einfach nachzumachen. Etwas, dass die meisten Menschen gerne einmal ausprobieren würden, aber nicht den Mut oder die Zeit haben, es dann auch wirklich zu tun. Also bin ich zu dem Entschluss gekommen, 90 Tage lang Couchsurfing zu machen. Das war die perfekte Lösung für mein Problem und meine Sorgen.  Dadurch lernte ich unglaublich viele Menschen kennen und die Stadt mit ihren unterschiedlichsten Vierteln. Und ich brauchte mir erst einmal keine Gedanken über eine Wohnung zu machen.

Hatten Sie im Vorfeld eigentlich Angst und waren Sie in irgendeiner Form abgesichert, denn man weiß ja nie in welcher Wohnung man nächtigt, ist stelle mir das sehr gefährlich auch vor oder?

Die anderen hatten schon genug Angst um mich, da habe ich selber keine mehr gebraucht. Ich bin eigentlich ziemlich entspannt  an die Sache rangegangen.  Keine Angst haben heißt aber nicht, dass man naiv ist. Ich hatte schon meine kleinen Vorsichtsmaßnahmen. Zum Beispiel bin ich nie zu Männern gegangen, die alleine wohnen, außer sie haben geschrieben, dass sie mit mir etwas in der Öffentlichkeit machen. Wenn mich jemand zum Beispiel vorher mit zur Chorprobe nimmt, wo mich alle mit ihm sehen, wäre es schon sehr dumm, wenn er mich danach in seiner Wohnung abschlachten würde.

Mit wie viel Vorlauf muss man eigentlich planen? Oder geht es tatsächlich von heute auf morgen einen Platz zum Couchsurfen zu finden?

Ich habe immer 4-5 Tage im Voraus geplant. Das war genau richtig. Wenn man schon zwei Monate vorher planen möchte wissen viele Gastgeber noch gar nicht ob sie Zeit haben.

Verbringt man die Abende dann mit denen, bei denen man übernachtet oder wie läuft so etwas dann ab?

Ich war ja nur einen Abend da, also habe ich diesen Abend auch mit meinem Gastgeber verbracht. Ich habe aber schon von anderen Couchsurfern gehört, dass wenn man länger bleibt nicht jeden Abend zusammen verbringt. Das ist ganz unterschiedlich von von Gastgeber zu Gastgeber anders.

War denen, bei denen Sie geschlafen haben bekannt, dass Sie für ein Magazin schreiben und darüber bloggen, möglicherweise ein Buch darüber schreiben?

Ich habe am Abend immer von meinem Projekt erzählt und gefragt ob ich Bilder von der Wohnung machen darf und über den Abend berichten darf. Das daraus ein Buch entsteht hat sich erst im Laufe des Projekts entwickelt. Aber natürlich hat jeder Gastgeber seinen Text vor der Veröffentlichung bekommen und ist damit einverstanden.

Gab es Gastgeber an die Sie sich besonders gerne oder ungerne erinnern?

Ich erinnere mich an alle gerne und auch oft. Wenn ich in Berlin unterwegs bin, hat fast jede Ecke eine Erinnerung an einen Gastgeber.

Hat immer alles Reibungslos funktioniert oder gab es Situationen bei denen Sie abbrechen wollten?

Gewollt habe ich es nie aber eines Tages dachte ich, es wird veranlasst, dass ich aufgeben muss. Ein Couchsurfing Moderator wollte in Montreal anrufen und veranlassen, dass ich aus der Community geworfen werde. Dahinter steckt eine längere Geschichte und viele Missverständnisse. Hinschmeißen wollte ich es nie. Ich hatte nur ab und zu mal ein kleines Tief. Am schlimmsten war es nach dem Wochenende in München, ab dem 60. Tag. Ich bin ein Wochenende „fremdgegangen“ und habe bei Freunden in München übernachtet. Es war so schön unter Menschen zu sein, die einen kennen und ein halbwegs normales Leben zu  führen. Danach waren die Tage in Berlin mit meinem Projekt wieder wirklich hart.

Würden Sie dem Leser empfehlen Couchsurfing mal auszuprobieren bzw. was muss man dafür wissen und welche Einstellung sollte man haben?

Couchsurfing eignet sich sicher nicht für jeden. Man sollte nicht zimperlich, offen, neugierig und pflegeleicht sein. Sonst ist man auch eine Zumutung für den Gastgeber. 😉 Vom Vorteil ist auf jeden Fall auch ein gesunder Schlaf. Ich kann überall schlafen.

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Ich gehe nie in die Sauna also werde ich auch nie in die Situation kommen dort jemanden zu treffen. Ein schönes Kapitel zum Thema Sauna und meine Einstellung dazu gibt es auch im Buch 😉

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de