Kirsten Bruhn „wir sind auch für Menschen ohne Handicap ein Vorbild“

Kirsten Bruhn zählt zu den schnellsten Handicap-Schwimmerinnen der Welt. Sie ist zweifache Weltmeisterin und fünffache Europameisterin.

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Von dem Sport kann ich nicht leben. Leider!!!!!  :o( Hier muß man aber auch fair und realistisch sein. Es gibt auch im olympischen Sport genug Athleten die von ihrem Sport nicht leben können. Ich habe Sponsoren und Ausrüster und bin denen auch sehr dankbar, d. h. aber auch nicht, dass man da nicht noch ausbaufähiges Potential hat. Ich bin um jeden Sponsor mehr sehr dankbar! 

www.kirsten-bruhn.de

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Seit dem Sie 10 Jahre alt sind schwimmen Sie. Die Tragik an ihrem Unfall ist ja das Sie nun als eingeschränkte Schwimmerin einen riesen Erfolg haben. War Ihr Wunsch vor dem Unfall auch „Profi“-Schwimmerin zu werden oder lagen die Ziele da woanders?

Nein, das war nie mein Wunsch oder Ziel. Ich bin es ja auch heute nicht. Profsportler-Dasein definiert man über die Fähigkeit mit dem Sport seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das kann ich definitiv nicht. Ich bin Angestellte bei der AOK Nord West in Neumünster/Schleswig-Holstein und dank der Stiftung Deutschen Sporthilfe ist es mir möglich mit einer 30 Stunden/Wo. und dem Gehalt einer Volltagskraft das Training so gut es geht mit dem nötigen Umfang (20 – 25 Stunden/Wo.)  zu bestreiten.

www.kirsten-bruhn.de

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Wann und Wie haben Sie wieder zu dem Mut gefunden eine solche Karriere auch mit der Behinderung anzustreben?

10 Jahre nach dem Unfall bin ich erstmalig zu den Internationalen Deutschen Meisterschaft in Berlin 2002 gestartet, und nach langer Klassifizierungsprozedur habe ich meine 3 Starts sehr erfolgreich vollenden können. Da habe ich Lunte gerochen (wie man in Schleswig-Holstein sagt) und mein Trainingsumfang gemehrt und ab 2003 wurde ich Mitglied in der paralympischen Nationalmannschaft Schwimmen. Das Schwimmen oder besser gesagt die Therapie im Wasser war anfänglich nach dem Unfall wirklich nur zur Mobilisierung meiner Beine und meiner  physischen Konstitution. Da war kein Gedanke an Leistungsschwimmen oder Wettkämpfen. Das entwickelte sich sehr viel später und wie ich heute weiß; viel zu spät. Leider!!!

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Sie gehören zu den besten Schwimmeren der Welt, zählt man die Titel eigentlich noch mit, wissen Sie genau wie viele es sind?

Ich zähle nicht mit. Dafür habe ich meine Homepage www.kirsten-bruhn.de, da steht alles und ich kann bei Fragen nachsehen.  :o)

Ist der Gewinn einer Meisterschaft dann eigentlich noch was besonderes, kann man sich noch freuen?

Wenn ich meine persönlichen Ziele erreicht habe, freue ich mich immer. Meistens definieren sich die über persönliche Bestzeiten, unabhängig von der Platzierung. Wenn dann noch Medaillen und Hymnen einhergehen, ist es traumhaft schön und ich freue mich umso mehr!

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Auf Ihrer Homepage steht als Ziel die Paralympics 2012 in London, ist das Ihre letzte Olympia?

London 2012 werden meine letzten Paralympic sein. So ist der Plan.

Wie oft und in welchem Maße trainieren Sie in der Woche?

Grds. kann ich sagen, dass ich 5 – 6 Tage die Woche/ 20 – 25 Stunden trainiere. Das ist abhängig von den jeweiligen Trainingsphasen und im Trainingslager oder auf Lehrgängen trainiere ich mehr als im Alltag, wo ich Beruf, sonstige Termine und das Training koordinieren muß.

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Was haben Sie sich für die EM in Berlin vorgenommen, wären Sie eigentlich sehr enttäuscht wenn es kein Gold geben würde oder wie groß ist auch der Druck wenn man so erfolgreich ist?

Der Druck ist enorm groß; vor allem der persönliche Druck. Natürlich möchte man immer perfekte Leistungen bringen…für sich selbst und für den Trainer, die Bundestrainerin und auch für das ganze Team. Da ist der Sport gnadenlos, man muß auf den Punkt seine Leistungen abrufen können und wir wissen alle, dass das nicht immer wie erwartet läuft. Viele Favoriten die haushoch mit Gold-Medaillen im Vorwege schon prämiert werden, haben nicht die Chance das auch zu erfüllen. Ich wäre sicher enttäuscht wenn ich weit ab von meinen Bestzeiten anschlage, auch wenn dabei eine Medaille (egal welcher Farbe) im Spiel wäre. Die Enttäuschung ist dann vielleicht nicht ganz so groß, aber sie ist präsent. Wie schon im Vorwege erwähnt, ist für mich die Zeit entscheidend und daran messe ich mich und meine Ziele auch!

Wie sind eigentlich die Verhältnisse zum „normalen“ Schwimmsport. Gibt es genug Sponsoren und kann man von dem Sport leben?

Von dem Sport kann ich nicht leben. Leider!!!!!  :o( Hier muß man aber auch fair und realistisch sein. Es gibt auch im olympischen Sport genug Athleten die von ihrem Sport nicht leben können. Ich habe Sponsoren und Ausrüster und bin denen auch sehr dankbar, d. h. aber auch nicht, dass man da nicht noch ausbaufähiges Potential hat. Ich bin um jeden Sponsor mehr sehr dankbar!

Denken Sie das behinderten-Sport in der Gesellschaft nicht so hoch angesehen ist wie „normaler“ Sport und was glauben Sie warum das so ist?

Zunächst möchte ich die Begrifflichkeiten mal ändern. Der Sport mit Handicap und der Sport ohne Handicap oder der paralympische Sport und der olympische Sport!  :o) Sicher wird der olympische Sport mehr in der Gesellschaft wahrgenommen. Das liegt einzig und allein an der Lobby in den Medien. Wenn die Medien den paralympischen Sport mehr begleiten würden und entsprechend mehr darüber berichten würden, dann wäre auch das Ansehen und die Wahrnehmung und vor allem auch die Akzeptanz wesentlich größer in der Gesellschaft. Wir sind nicht nur Vorbilder für gehandicapte Menschen, ganz im Gegenteil….wir sind vor allem auch für Menschen ohne Handicap ein Vorbild und genau das ist was die Medien noch nicht begriffen haben!!!!!!!! Wenn Motivation in der breiten Masse durch Beispielen an paralympischen Athleten erlebt und verursacht werden kann, (und das ist Fakt), dann sollte man diese Chance heute nutzen und das auch unterstützen! …..so weit sind unsere Medien leider noch nicht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie noch dahinter kommen werden.  ;o)

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Auf Ihrer Homepage gibt es ja sehr sexy Bilder zu sehen, wie lange hat es eigentlich gedauert bis Sie Ihren Körper wieder so akzeptiert haben wie es nun mal ist?

Ich habe es nicht akzeptiert. ….und ich werde es auch nie akzeptieren. Ich versuche lediglich das BESTE aus meiner Situation zu machen; so wie jeder andere Mensch es auch tun sollte!…egal ob mit oder ohne Handicap!!!!!

Gibt es etwas, dass Sie an dieser Stelle direkt dem Leser sagen würden?

Es ist nicht wichtig dem Leben mehr Tage zu geben…….dem Tag mehr Leben geben….das ist entscheidend!!!!!!! Jeden Tag mindestens einmal herzlich Lachen und jeder möge doch zunächst seine eigenen Probleme und Lebensaufgaben erst einmal bewerkstelligen, bevor er an anderen rummäkelt und kritisiert!!!!!!!

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Mit keinem; ich mag Sauna nicht!

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de