Michael Seidel – Schauorchester Ungelenk “Noch mal 25 Jahre”

Michael Seidel: Seit 1986 ist das Schauorchester Ungelenk, „die Clowns unter den Musikanten“ im Namen der guten Unterhaltung unterwegs.

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Es gab in der DDR viele „Schauorchester“. Das waren riesige Ensemble, Bigbands, die nicht nur zum Tanz aufspielten, sondern sich auch zur Aufgabe gemacht hatten mit lustigen Einlagen und Spielen, die Zuschauer den ganzen Abend zu unterhalten. Im Vergleich zu denen waren wir natürlich ne „kleine Nummer“. 

Foto: Jan Kulke, pab – photoart berlin

Foto: Jan Kulke, pab – photoart berlin

Wie entstand der Name Ungelenk?

Es gab in der DDR viele „Schauorchester“. Das waren riesige Ensemble, Bigbands, die nicht nur zum Tanz aufspielten, sondern sich auch zur Aufgabe gemacht hatten mit lustigen Einlagen und Spielen, die Zuschauer den ganzen Abend zu unterhalten. Im Vergleich zu denen waren wir natürlich ne „kleine Nummer“. Das machte für uns aber den Reiz aus. Manchmal schauten dann die Veranstalter etwas komisch, wenn wir mit unseren „Folk-Instrumenten“ wie Mandoline, Bandoneon und Schalmei antraten und nur ein Mikrofon dabei hatten. Immer derjenige, der ein Solo hatte stellte sich davor. Und der Name „Ungelenk“ verheißt schon mal nichts Bierernstes, lässt alles offen und hatte auch immer etwas von Understatement. Einer der häufigsten Sätze, die wir nach Konzerten hörten war: So ungelenk seid ihr ja gar nicht.

Wie war das damals in der ehemaligen DDR, ich könnte mir vorstellen das es „Comedy“-Künstler in welcher Form auch immer schwer hatten; ist das richtig?

Das traf vor allen auf Kabarettisten zu. Wir waren da eher die Anarchisten, die sich durch derbe Texte, Sprachwitz und Clownerie auszeichneten. Die am Anfang an jeder Straßenecke spielten und sich bis heute zur Aufgabe gemacht haben die Menschen gut zu unterhalten, sie aus der Reserve zu locken und ihnen zu zeigen, dass das Leben auch eine witzige, lebensbejahende Seite hat.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Fernseh-Auftritt erinnern? Wie war das?

Oh ja. Das war in einer volkstümlichen angehauchten Sendung namens“ Auf Schusters Rappen“. (Könnte heute ohne weiteres beim MDR laufen). Gedreht wurde im tief verschneiten Erzgebirge, weit entfernt von jeglicher Infrastruktur, mitten im Wald. Und es war bitterkalt. Nachdem die erste Strophe im Kasten war stellte der Kameramann fest, dass sein Akku leer war und er keinen Ersatz mithatte. Also musste er in die nächste Stadt. Wir warteten 3 Stunden auf ihn und froren wie die Hunde. Zu guter Letzt ließ uns der Regisseur beim letzten Akkord des Liedes noch in eine Schneewehe fallen. Das fand er sehr lustig. Wir ließen alles über uns ergehen, Hauptsache der Dreh hatte ein schnelles Ende.

Wo ist der Unterschied zwischen den Fernsehauftritten damals und den heutigen? Alles Routine geworden?

Die Technik ist besser, die Akkus halten länger. Ansonsten, wartet man stundenlang und versucht dann auf den Punkt fit zu sein. Das gehört zum Beruf dazu. Ein Tischler kann ja nach 500 gebauten Schränken, auch nicht anfangen zu schludern.

„Ungelenk – das sind die mit dem Vogel“ heißt es, was hat es mit dem Vogel auf sich? Oder haben Sie Herr Seidel einfach nur „einen Vogel“?

In der Tat, sie haben es als Erster auf den Punkt gebracht!!!

Über 3000 Auftritte, zählen Sie eigentlich noch mit?

Wir haben da keine Strichliste, aber wenn wir in 2 Jahren unseren 10.000sten feiern würden, wäre irgendwas nicht richtig.

Gibt es Auftritte an die man sich gerne bzw. auch welche an die man sich nicht gerne erinnert? Gerne Beispiele:

Ach Gott. Das ist eine schwere Frage. Man trägt so viele schöne Erinnerungen mit sich rum, da fällt es schwer zu differenzieren. Aber unser Jubiläumskonzert zum 20jährigen Bestehen, in der Zwickauer Stadthalle, bekam so eine Eigendynamik, dass man sich irgendwie dem Himmel nah fühlte. Magischer Moment könnte man sagen. Den sucht man ja immer, kann ihn aber leider nicht festhalten. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, eigentlich musst Du jetzt Schluss machen. Es kann kaum schöner werden. Das ganze Gegenteil war eine Veranstaltung in einem Münchner Nobelhotel für die Crème de la Crème des deutschen Reitsports. Die ganze Schockemöhle – Crew. Die konnten kaum sitzen vor Noblesse und Steifheit. Und nach jedem Lied klatschten sie zweimal leicht in ihre Hände. Stimmung!!! Ein trauriges Konzert. Aber das Essen war gut und wir haben uns danach schön einen eingeleuchtet. Krisenbewältigung nennt man so etwas.
Foto: Jan Kulke, pab – photoart berlin

Foto: Jan Kulke, pab – photoart berlin

Zum 25 jährigen Jubiläum starten Sie noch mal richtig durch und läuten die nächsten 25 Jahre ein, welches Resümee ziehen Sie aus den ersten 25 Jahren? Was erwarten Sie von der Zukunft?

Keiner von uns hat vor 25 Jahren gedacht, dass das so eine riesen Kiste wird. So etwas kann man ja nicht planen. Unter diesem Aspekt betrachtet sind die 25 Jahre „Schauorchester Ungelenk“, für alle die dabei waren, ein großer Glücksumstand. Dass man in dieser schnelllebigen Zeit überhaupt die „Silberhochzeit“ erreicht grenzt fast an ein Wunder. Und deshalb wollen wir das Wunder etwas verlängern und haben uns ganz bewusst ein hehres Ziel gesetzt. Noch mal 25 Jahre. Und wenn wir das erreicht haben sind wir immer noch 25 Jahre jünger als Johannes Heesters.

Gibt es etwas, dass Sie an dieser Stelle den Lesern direkt sagen möchten?

Ja! Kommt zu unserer Tournee „XY…ungelenk“. Besucht uns und wir werden Euch nicht enttäuschen. Denn je mehr Leute da sind, umso schöner wird die Feier. Und zwei Stunden mit uns gemeinsam sind auf jeden Fall besser als 4 Stunden Florian Silbereisen im Fernsehen gucken.

Mit wem würden Sie nicht in der Sauna sitzen wollen?

Ursula von der Leyen.

© Daniel Pietrzik | nachgebloggt.de

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